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Mesut Özil hat in einem Statement seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt und DFB-Präsident Reinhard Grindel Rassismus vorgeworfen. Seine Rücktritts-Erklärung in der deutschen Übersetzung.

"Die Sache, die mich wahrscheinlich am meisten in den vergangenen Monaten frustriert hat, war die schlechte Behandlung durch den DFB, und vor allem durch den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel. Nach meinem Bild mit Präsident Erdoğan wurde ich von Joachim Löw gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen, nach Berlin zu reisen und ein gemeinsames Statement abzugeben, um alle Diskussionen zu beenden und die Sache richtig zu stellen. Als ich Grindel mein Erbe, meine Vorfahren und die daraus entstandenen Gründe für das Foto zu erklären versuchte, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.

Während seine Handlungen herablassend waren, haben wir beschlossen, dass es das Beste wäre, sich auf den Fußball und die kommende Weltmeisterschaft zu konzentrieren. Das ist der Grund, warum ich nicht am DFB-Medientag während der WM-Vorbereitung anwesend war. Ich wusste, dass Journalisten, die über Politik und nicht Fußball berichten würden, mich nur attackiert hätten, obwohl die ganze Sache nach dem TV-Interview von Oliver Bierhoff vor dem Spiel gegen Saudi-Arabien in Leverkusen beendet hätte sein sollen.

Während dieser Zeit habe ich auch den Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, getroffen. Im Gegensatz zu Grindel war Präsident Steinmeier professionell und wirklich interessiert, was ich über meine Familie, meine Herkunft und meine Entscheidungen zu sagen hatte. Ich erinnere mich, dass das Treffen nur zwischen mir, Ilkay und Präsident Steinmeier stattfand, Grindel war verärgert, dass er nicht dabei sein durfte, um seine eigene politische Karriere zu forcieren. Ich hatte mit Präsident Steinmeier vereinbart, ein gemeinsames Statement zu diesem Thema zu veröffentlichen, ein weiterer Versuch, um voranzukommen und uns auf Fußball zu konzentrieren. Aber Grindel war verärgert, dass es nicht sein Team war, das das erste Statement veröffentlicht hatte, er war verärgert, dass die Presseabteilung Steinmeiers in dieser Sache die Führung übernommen hat.

Seit dem Ende der Weltmeisterschaft ist Grindel wegen seiner Entscheidungen vor Turnierbeginn unter starken Druck geraten, und das zurecht. Zuletzt hat er öffentlich gesagt, dass ich noch einmal meine Handlungen erklären solle und gibt mir die Schuld für die schwachen Ergebnisse in Russland, obwohl er mir in Berlin gesagt hat, dass es erledigt sei.

Ich spreche jetzt nicht wegen Grindel, sondern weil ich es will. Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen. Ich weiß, dass er mich nach dem Foto aus dem Team haben wollte, und seine Ansicht bei Twitter ohne Nachdenken oder Absprache veröffentlicht hat, aber Joachim Löw und Oliver Bierhoff haben sich für mich eingesetzt und mich unterstützt. In den Augen von Grindel und seinen Unterstützern bin ich Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren.

Obwohl ich Steuern in Deutschland bezahle, Einrichtungen für deutsche Schulen spende und die Weltmeisterschaft 2014 mit Deutschland gewonnen habe, bin ich noch immer nicht in der Gesellschaft akzeptiert. Ich werde behandelt, als wäre ich 'anders'. Ich wurde mit dem 'Bambi' 2010 als Beispiel für erfolgreiche Integration in die deutsche Gesellschaft ausgezeichnet, 2014 erhielt ich das 'Silberne Lorbeerblatt' von der Bundesrepublik Deutschland und ich war der 'Deutsche Fußball Botschafter' 2015. Aber ganz klar, ich bin kein Deutscher...?

Gibt es Kriterien, ein vollwertiger Deutscher zu sein, die ich nicht erfülle? Meine Freunde Lukas Podolski und Miroslav Klose werden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, also warum bin ich Deutsch-Türke? Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich ein Muslim bin? Ich denke, hier handelt es sich um eine wichtige Sache. Indem man als Deutsch-Türke bezeichnet wird, werden Menschen bereits unterschieden, die Familie in mehr als einem Land besitzen. Ich wurde in Deutschland geboren und ausgebildet, also warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?

Grindels Meinungen können auch an anderen Stellen gefunden werden. Ich wurde von Bernd Holzhauer (ein deutscher Politiker) als 'Ziegenficker' wegen meines Bildes mit Präsident Erdoğan und meines türkischen Hintergrundes bezeichnet. Außerdem sagte mir Werner Steer (Chef des Deutschen Theaters), dass ich mich 'nach Anatolien verpissen soll', ein Gebiet in der Türkei, aus dem viele Migranten stammen. Wie ich schon gesagt habe, mich wegen meiner Familien-Abstammung zu kritisieren und zu beschimpfen ist eine erbärmliche Linie, die überschritten wurde, und Diskriminierung als Mittel für politische Propaganda zu nutzen ist etwas, dass sofort im Rücktritt dieser respektlosen Individuen resultieren sollte.

Diese Menschen haben mein Bild mit Präsident Erdoğan als Möglichkeit genutzt, um ihre zuvor versteckten rassistischen Tendenzen nun auszudrücken, und das ist gefährlich für die Gesellschaft. Sie sind um nichts besser als der Deutschland-Fan, der mir nach dem Spiel gegen Schweden gesagt hat 'Özil, verpiss dich du scheiß Türkensau. Türkenschwein hau ab'. Ich möchte Hassmails, Drohanrufe am Telefon und Kommentare in sozialen Medien gegen mich und meine Familie gar nicht diskutieren. Dies alles steht für das Deutschland aus der Vergangenheit, ein Deutschland, das nicht offen für neue Kulturen war, und ein Deutschland, auf das ich nicht stolz bin. Ich bin mir sicher, dass viele stolze Deutsche, die eine offene Gesellschaft begrüßen, meiner Meinung wären.

Reinhard Grindel, ich bin sehr enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln. In 2004, als Sie Mitglied des Bundestages waren, haben Sie behauptet, dass 'Multikulturalität ein Mythos und eine lebenslange Lüge' sei. Sie haben gegen Gesetze für Doppel-Nationalitäten und Strafen für Bestechung gestimmt, und Sie haben gesagt, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu tief verwurzelt sei. Das ist nicht zu vergessen und nicht zu verzeihen.

Wegen der Behandlung durch den DFB und viele andere möchte ich das deutsche Trikot nicht länger tragen. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht gewollt bin und vergessen wurde, was ich seit meinem Debüt 2009 geleistet habe. Leute mit rassendiskriminierendem Hintergrund sollten nicht im größten Fußball-Verband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler mit zwei Heimatländern hat. Solche Einstellungen spiegeln einfach nicht die Spieler wider, die sie vorgeben zu vertreten.

Schweren Herzens und nach gründlicher Überlegung werde ich wegen der zurückliegenden Vorkommnisse nicht länger für die deutsche Nationalmannschaft spielen, da ich Rassismus und fehlenden Respekt spüre. Ich habe früher das deutsche Trikot mit so viel Stolz und Begeisterung getragen, heute nicht mehr. Es war sehr schwierig, diese Entscheidung zu treffen, da ich immer alles für meine Teamkollegen, das Trainerteam und die guten Menschen in Deutschland gegeben habe.


Aber wenn hochrangige DFB-Offizielle mich so behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich aus selbstsüchtigen Gründen für politische Propaganda benutzen, dann ist genug genug. Dafür spiele ich nicht Fußball, und ich werde mich nicht zurücklehnen und in dieser Sache nichts tun. Rassismus darf niemals akzeptiert werden."





„Mauern brauchen eine Mauer-Mentalität, das Leben in der Festung endet im Festungskoller.“


Was es mit uns macht, was wir mit ihnen machen
Die Flüchtlinge in Gefahr, die EU im Festungskoller – 15 Thesen zur Wende in der Asyldebatte
Von Bernd Ulrich
18. Juli 2018, DIE ZEIT Nr. 30/2018,


Diesen Sommer ist etwas gekippt in der Flüchtlingspolitik und in der Art, wie darüber geredet wird. Um diese Wende zu verstehen, muss man zunächst zurückgehen zu dem Punkt, an dem alles anfing.

Genau vier Monate dauerte die volle linksliberale Hegemonie in der Flüchtlingspolitik, vom 4. September 2015, als Angela Merkel die Grenzen offen ließ, bis zum 3. Januar 2016, als die Ereignisse der Kölner Silvesternacht publik wurden. Damals waren negative Nachrichten über Flüchtlinge unerwünscht, und Gegner von Merkels Flüchtlingspolitik setzten sich politischen Verdächtigungen aus. Es galt noch der Pressekodex, nach dem bei Gewalttaten der ethnische Hintergrund des mutmaßlichen Täters nicht sehr hervorgehoben wurde; – kaum jemand wird sich noch daran erinnern, aber die Presse machte sich damals tatsächlich Sorgen, es könnten Vorurteile gegen Minderheiten geschürt werden.

Seit dem 4. Januar 2016, also seit nunmehr 31 Monaten, geht alles in die entgegengesetzte Richtung. Positive Nachrichten über Flüchtlinge sind unerwünscht, Gewalttaten finden besonders dann öffentliche Beachtung, wenn sie einen muslimischen Hintergrund haben.

Ja, etwas hat sich gedreht.

Dieser Juni 2018 brachte eine Asylwende, jedoch weniger wegen Horst Seehofer; es war der Brüsseler Asylgipfel vom 24. Juni, der Entscheidendes änderte: Unter dem Druck der Osteuropäer, aber auch von Österreich und Italien, in denen nun rechtsnationale Parteien mitregieren, plädierten die Teilnehmer für geschlossene Asylzentren und eine Abriegelung der Außengrenzen. Damit hat die EU einen großen Schritt in Richtung Abschottung gemacht. War in jenen vier Monaten von 2015 Humanität wichtiger als Kontrolle, so verhält es sich heute umgekehrt. Viele sehen in einer "Festung Europa" keine Gefahr mehr, sondern ein Ziel, auch Markus Söder.

Der Hegemoniewechsel ist vollzogen, bei der Flüchtlingspolitik gibt es einen neuen Mainstream, er reicht von der politischen Mitte bis weiter rechts davon. Dieser Wechsel hat weitreichende Konsequenzen, nicht nur für jene, die hierher fliehen wollen, sondern auch für Europa.

Zunächst einmal können Defizite der Flüchtlingspolitik – fatale Abschiebungen, illegale Migration, fehlende Solidarität in Europa und dergleichen – künftig nicht länger einer liberalen Politik in die Schuhe geschoben werden. Vielmehr sind sie Folge der inneren Widersprüche einer rigorosen Politik. Das gilt jetzt schon für die Fehler bei der Abschiebung wie für die Schwierigkeiten bei der Realisierung des Lieblingsprojekts harter Flüchtlingspolitik, der Einrichtung von Asylzentren in Nordafrika. Auch eine harte Gesinnung schützt nicht vor Gesinnungsethik.

Zudem sollten die Vertreter des rigorosen, sie selbst würden sagen: konsequenteren Mainstreams in Europa nicht länger so tun, als würden sie immer noch tapfer gegen eine linke oder liberale Diskursmehrheit ankämpfen. Man kann nicht gleichzeitig die Wonnen der Debattenhoheit und den Kitzel der Rebellion genießen.

Schließlich stellt der Hegemoniewechsel eine Niederlage für eine liberalere oder akzeptierendere Flüchtlingspolitik dar, deren Trost immerhin darin liegt, dass so halt Demokratie funktioniert: Mal sind die einen vorn, mal die anderen. Dieser schrille Sommer der umgekehrten Vorzeichen zeigt aber auch, dass die Gesellschaft heute nicht weniger gespalten ist als vor drei Jahren, sondern nur anders.

Daraus ergeben sich zwei Fragen: Gibt es noch einen Minimalkonsens in der Flüchtlingspolitik? Und: Wo soll das alles enden? Denn viele wollen anscheinend die Festung Europa, mit nur noch kleinen Dienstboteneingängen fürs Humanitäre.

Und so wie in jenen vier Monaten 2015 die Frage gestellt wurde, ob eine Politik der vorerst offenen Grenzen nicht naiv sei, so muss man heute über die Naivität des rigorosen Kurses sprechen. Seinerzeit wurde behauptet, die freundliche Flüchtlingspolitik löse eine unkontrollierbare Dynamik aus; das gilt allerdings auch für den rigorosen Kurs. Die Herren der Abschottung sind nicht Herren über die Dynamik ihrer eigenen Politik. Ebenso wurde 2015 davor gewarnt, Europa verändere sich durch den Zustrom in seinem Wesen. Umgekehrt gilt das auch: Eine Festung erspart Europa Veränderung keineswegs, im Gegenteil: Mauern brauchen eine Mauer-Mentalität, das Leben in der Festung endet im Festungskoller.

Was also macht es mit uns, was wir mit ihnen machen? Im Folgenden soll in 15 Punkten nachgezeichnet werden, welche der selbstverständlich benutzten Argumente in die Logik der Festung führen, wie weit wir auf diesem Weg schon sind und wie ein Minimalkonsens aussehen könnte.

Übersicht:
1. Flüchtlinge
2. Wir müssen unsere Grenzen schützen
3. Private Seenotretter sind schuld am Rechtsruck
4. Integration ist eine Bringschuld
5. Bekämpfung der Fluchtursachen
6. Die finale Lösung der Flüchtlingsfrage
7. An der Asylfrage entscheidet sich die Zukunft des Landes
8. Ohne sie wäre alles besser
9. Sie sind undankbar
10. Die da
11. Pull-Faktoren
12. Merkel hat die Grenzen geöffnet
13. Die Deutschen haben wegen ihrer Vergangenheit ein schlechtes Gewissen
14. Wir können nicht alle aufnehmen
15. Man muss kühl draufblicken

1. Flüchtlinge
Wie die Politik, so hat sich auch das Wort negativ aufgeladen: Flüchtling, das wird assoziiert mit illegal und natürlich mit: zu viel. Tatsächlich handelt es sich bei Flüchtlingen ganz überwiegend einfach um Menschen in Not, selbst dann, wenn diese Not wirtschaftlichen Ursprungs ist. Auch ein Wirtschaftsflüchtling verspürt Not, sonst würde er diesen gefährlichen, schweren Weg nicht gehen und die Heimat hinter sich lassen. Ja, eine Gesellschaft darf aufteilen zwischen legaler und illegaler Flucht. Dennoch muss gelten: Was rechtlich illegal ist, kann dennoch menschlich legitim sein. Und ist es auch meistens.

2. Wir müssen unsere Grenzen schützen
Sogar die Kanzlerin spricht jetzt davon, Europas Grenzen müssten besser geschützt werden. Das stimmt, man weiß ja nie, was Putin vorhat. Nur vor Flüchtlingen müssen die Grenzen nicht geschützt werden, weil sie diese nicht angreifen, Grenzkontrolle ist nötig, reicht aber auch. Kürzlich wurde in Österreich eine "Grenzschutzübung" durchgeführt, dabei kam sogar ein Kampfhubschrauber zum Einsatz. Damit werden die Menschen in Not zu Invasoren umgedeutet, gegen die sich Europa wehren darf, ja muss. Plötzlich sind also wir diese Menschen in Not – Verdrehung der Wirklichkeit, Umwertung der Werte, Nietzsche lacht in seinem Grab.

3. Private Seenotretter sind schuld am Rechtsruck
Dieses Argument bewegt sich am Rande des Zynismus, solange staatliche Seenotrettung gewollt lückenhaft ist. Wie so oft in der Flüchtlingsdebatte trägt diese Behauptung eine noch gefährlichere Logik in sich, weil der Rechtsruck als quasi natürliche Reaktion auf schlecht kontrollierten Zustrom dargestellt wird. Gewissermaßen alternativlos. Dabei könnten die Europäer auch Parteien wählen, die mehr in die Integration oder die Hilfe vor Ort investieren möchten. Man kann hinnehmen, dass Mehrheiten eine rigorose Flüchtlingspolitik beschließen – aber nicht, dass es sich dabei um keine Entscheidung handelt, sondern um einen Reflex. Die neuen Mehrheiten bewegen sich keineswegs in einem moralfreien Raum.

4. Integration ist eine Bringschuld
Das stimmt so nicht, denn natürlich kann Integration nur als Geben und Nehmen gelingen, als ein Wechselspiel von Bringschuld und Holschuld. Tatsächlich sagt der Satz weniger über Integration aus als über Schuld, er dient als Vorneverteidigung gegen die Idee, dass die Asyl gewährenden Gesellschaften irgendetwas mit den Ursachen von Flucht zu tun haben könnten und etwas gutzumachen hätten. Niemand wird die Eigenverantwortung afrikanischer und arabischer Staaten leugnen. Unsere Mitschuld kann aber auch nicht ignoriert werden, es sei denn um den Preis des Realitätsverlusts.

5. Bekämpfung der Fluchtursachen
Auch diese gut gemeinte Formulierung verdrängt etwas Wesentliches. Denn meistens würde es schon genügen, wenn die Europäer, auch Deutschland, aufhören würden, Fluchtursachen zu sein, etwa mit ihrer Landwirtschafts- und Fischereipolitik. Das ist im Übrigen auch leichter, als nur Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Fluchtursachen bekämpfen bedeutet in Wahrheit oft: Wir meinen es gut, aber die Aufgabe ist so gigantisch, dass wir an ihr jederzeit scheitern dürfen.

6. Die finale Lösung der Flüchtlingsfrage
Die Formulierung stammt vom CSU-Politiker Manfred Weber, der dafür gescholten wurde, weil sie ungute historische Assoziationen weckt. Doch wirkt etwas anderes viel brisanter. Denn die Vorstellung, dass ein Problem dieser Größenordnung final lösbar sein könnte, ist völlig irreal. Mit Blick auf Wohlstand, Freiheit und Sicherheit sind die Verhältnisse zwischen Europa und seinem südlichen Nachbarkontinent derart ungleich, dass dieses Menschheitsproblem in einer immer enger zusammenrückenden Welt allenfalls leidlich geregelt, aber absehbar nicht gelöst werden kann. Andere Erwartungen an die Politik zu schüren zieht nur Populismus und Voluntarismus nach sich. Man macht so die Flüchtlingspolitik zu einer Politik sui generis, zum einzigen komplett lösbaren Großproblem, anders etwa als: Klima, Steuerhinterziehung, Krieg und Frieden, Arbeitslosigkeit.

7. An der Asylfrage entscheidet sich die Zukunft des Landes
Dass Flüchtlinge von Teilen der Bundesregierung als das Problem behandelt werden, zeigt sich in einer weiteren Abnormität: Fortschritte werden weniger betont als noch verbliebene Defizite, was für Regierungspolitik ganz untypisch ist. Kommen weniger Flüchtlinge, wird einfach eine größere Lupe zur Hand genommen, relevant ist nicht mehr, was geschieht, sondern was als Geschehen empfunden wird. In Österreich ist man schon weiter und schiebt beinahe jedes Problem der Gesellschaft auf die Flüchtlinge, von der Rentenpolitik bis zur Wohnungspolitik. Dadurch entsteht ein Furor, der durch keine Maßnahme mehr zu dämpfen ist, und ein Schießscharten-Blick auf alle anderen Themen. Die Flüchtlingspolitik verliert dabei den Charakter eines Problems, das einer Lösung harrt, und mutiert zu einer politischen Kultur, zu einer Art und Weise, wie die Gesellschaft mit sich selbst spricht, kurzum: zu ihrem Medium.

8. Ohne sie wäre alles besser
Zur Beurteilung der Flüchtlingspolitik wird oft ein imaginärer migrationsloser Zustand zum Kriterium erhoben. Demzufolge ist jedes Verbrechen, das von Migranten begangen wird, eines zu viel, weil es ja ohne sie nicht passiert wäre. Nicht-Störendes oder gar Wundervolles wird als Selbstverständlichkeit gesehen oder ganz verschwiegen, Destruktives hingegen zum absoluten Skandal. Realistische Vergleiche etwa mit der Einwanderung in die USA oder der Integration von Vertriebenen in Deutschland, die auch zunächst ein Anschwellen vieler Probleme mit sich brachten, werden vermieden. Statt Best Practice firmiert in der Öffentlichkeit vorzugsweise der Worst Case. So kann man nicht lernen, sondern nur endlos moralisieren.

9. Sie sind undankbar
In der Wut auf die Flüchtlinge schwingt eine tiefe Kränkung mit und eine fundamentale Angst. Die Kränkung besteht darin, dass das karitative Prinzip nicht mehr richtig funktioniert. St. Martin riskiert heute, wenn er seinen Mantel teilt, die Frage: Und was ist mit dem Pferd? Oder: Warum bist du eigentlich reich und ich nicht? Zu diesem gefühlten Mangel an Dankbarkeit gesellt sich eine Urangst der Europäer: die Furcht vor Vergeltung. Wenn sie uns nur die Hälfte von dem antun, was wir ihnen angetan haben, dann gute Nacht. Diese Angst ließe sich bannen, wäre man offen für eine Diskussion über Kolonialismus und womöglich Kapitalismus sowie über den Export teurer Waffen und billiger Tomaten nach Afrika.

10. Die da
Die offizielle Sprechhaltung gegenüber Flüchtlingen ist fast nur noch mit dem Rücken zu ihnen. Mit ihnen wird lediglich auf dem Wege behördlicher Maßnahmen und öffentlicher Ermahnungen kommuniziert. Dass diese Menschen mithören und über kurz oder lang auch mitreden werden, wird auf diese Weise angstvoll verleugnet. Die Angst mag übertrieben sein, doch eines ist klar: Irgendwann werden hier sesshafte, ehemalige Flüchtlinge dieser Gesellschaft sagen, was es mit ihnen gemacht hat, so von oben herab adressiert worden zu sein. Es wäre besser, die Flüchtlinge jetzt schon ins Wir einzuschließen.

11. Pull-Faktoren
Das ist ein technischer Begriff für: Europa ist freundlich, frei, attraktiv. Wer alle Pull-Faktoren beseitigen will, muss die EU zu einem abschreckenden Gebilde machen – und zwar für Menschen, die in Syrien vor dem Nichts stehen oder in Eritrea unter der Drangsal eines Lebens in Armut leben. Und auch hier lauert hinter dem Falschen das Schlimme. Denn Pull-Faktoren zu beseitigen bedeutet, Menschen, die es bis nach Europa geschafft haben, möglichst so zu behandeln, dass ihre Brüder, Schwestern und Kinder in der Heimat keine Lust verspüren, die Reise nach Europa anzutreten. Das heißt aber in vielen Fällen, dass Abschreckung und Integration an denselben Personen verübt werden. Solcherlei kann nicht funktionieren und führt zu genau dem desintegrativen Verhalten von Flüchtlingen, das dann viele nach noch mehr Härte rufen lässt. Der Teufelskreis ist eröffnet.

12. Merkel hat die Grenzen geöffnet
Man kann die beiden flüchtlingspolitischen Lager daran erkennen, wie sie die Entscheidung der Kanzlerin vom 3. September 2015 bezeichnen – als "Grenzen öffnen" oder als "Grenzen offen halten". Vordergründig zeigt das, wie polarisiert die Debatte immer noch ist. Dahinter steckt jedoch ein beinahe mystisches Problem, das mit Magie gelöst werden soll (aber gänzlich ungeeignet für demokratische Gesellschaften ist). Denn die Flüchtlingsdebatte bezieht sich in dieser Sicht weniger auf Gegenwart oder Zukunft als auf einen vermeintlichen Sündenfall in der Vergangenheit, den man etwa durch Voodoo an den Flüchtlingen oder durch Austreibung der Kanzlerin zum Verschwinden bringen will. Ein Kult ist entstanden.

13. Die Deutschen haben wegen ihrer Vergangenheit ein schlechtes Gewissen
Das Argument, Deutschland sollte wegen Auschwitz großzügig Flüchtlinge aufnehmen, bringen fast nur noch jene auf, die es sodann als moralische Zumutung brüsk zurückweisen. Deutschland ist eines der reichsten Länder dieser Erde, eine erfolgreiche Exportnation und versucht, zivilisiert und wertegebunden seinen Platz in der Mitte Europas auszugestalten. Man braucht keine Sekunde Vergangenheit, um eine humane und zugleich realistische Flüchtlingspolitik zu begründen, die Zukunft reicht völlig.

14. Wir können nicht alle aufnehmen
Müssen wir auch nicht, weil nicht alle zu uns kommen wollen und werden, außerdem handelt es sich bei dem Satz um eine Binse. Sein Zweck liegt denn auch auf einer anderen Ebene: Er richtet sich gegen jene, die die Forderung nach offenen Grenzen erheben. Hierbei handelt es sich jedoch um eine politisch marginalisierte Minderheit. Dass der Satz dennoch immer wieder gesagt wird, dient dazu, eine immer rigorosere Flüchtlingspolitik als legitime Zurückweisung eines monströsen moralischen Anspruchs zu stilisieren.

15. Man muss kühl draufblicken
Die Insassen einer Festung entwickeln Gedanken und trainieren Gefühle, die zu den Mauern passen. Vor allem versuchen sie sich, von Tragödie, Schuld und Mitleid zu befreien, sie werden identisch mit ihren Mauern. Seehofers Nonchalance bei den 69 Abschiebungen zu seinem 69. Geburtstag zeigt, wie weit dieses Nichtfühlen schon kultiviert ist. Gewiss kann man sich moralische Kälte antrainieren. Doch wer das tut, sollte sich nicht wundern, wenn er den Empathie-Schalter auch dann nicht mehr findet, wenn Mitgefühl gebraucht wird. Es ist schwer, die Solidarität nach draußen auf nahe null zu fahren und sie zugleich im Inneren hochzuhalten. Auch in Deutschland kann man am falschen Ort geboren sein. Ja, die Mehrheit kann beschließen, rigoros abzuschieben oder sich abzuschotten. Sie kann aber keine Empathie-Verbote erteilen. Im Gegenteil, moralischer Schmerz müsste der Minimalkonsens sein, der diese Gesellschaft in der Flüchtlingspolitik eint. Kurzum, verehrte Vertreterinnen und Vertreter des neuen Mainstreams, denkt daran: Wenn wir uns über den Schmerz nicht mehr einigen können, dann können wir uns über nichts mehr einigen.


Und nicht vergessen: Mal sind die einen vorn, mal die anderen. Und dann wieder die einen.



"Wir sind nicht alle krank, sondern wir leben falsch"

"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Sonja Panthöfer im Gespräch mit Hans-Joachim Maaz.

"Wiener Zeitung": Früher war es verpönt, Mainstream zu sein, weil es nach Mittelmaß und Langeweile klang. Heute ist Mainstream kein Schimpfwort mehr. Was ist das Gute daran, so zu sein wie alle anderen?

Hans-Joachim Maaz: Das Gute an Verhaltensregeln ist das Gefühl, dazuzugehören. Ich mache das, was alle machen, und das ist wohl richtig. Ich kann dafür kaum bestraft, verhöhnt oder ausgegrenzt werden. Denn jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Orientierung, Halt und Zugehörigkeit. Wenn sich jemand unverstanden und allein fühlt, ist das sehr belastend. Der Nachteil von Verhaltensregeln ist natürlich, dass damit häufig eine nachlassende Kritikfähigkeit einhergeht. Das Risiko wächst, dass man Fehlentwicklungen mitmacht, ohne zu spüren, dass man sich auf dem Holzweg befindet.

Befindet sich ein Gast im jüdischen Restaurant auf dem Holzweg, wenn er sagt: Ich will ja nicht antisemitisch sein, aber die Hühnersuppe schmeckt ziemlich fad?

Natürlich! Wenn jemand verneint, rassistisch oder antisemitisch zu sein, ahnt man bereits, dass genau diese Gefühle vorhanden sind. So etwas sagt doch nur der, der insgeheim das glatte Gegenteil denkt. Jemand anders käme gar nicht auf die Idee. Insofern ist dies ganz klar ein Zeichen übertriebener Anpassung. Dieser Gast will betonen, dass er sich jetzt politisch korrekt verhält. Völlig klar ist: Die Ängste, etwas zu sagen, was nicht mehr als politisch korrekt gilt, haben stark zugenommen.

Wer also die Stimme senkt, wenn er sich kritisch zur Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel äußert . .

. . . zeigt sehr klar die Angst, nicht mehr zum moralisierenden Mainstream dazuzugehören. Und unter Mainstream verstehe ich die versammelte Kraft, nicht als Außenseiter gelten zu wollen und für seine Ansichten offen bekämpft oder diffamiert zu werden. Für mich ist dieses Verhalten ganz klar ein Zeichen für die Krise der Gesellschaft. Daran zeigt sich, dass die Gefolgschaft durch Anpassung die Achillesferse jeder Gesellschaft bildet.

Hat sich jemand, der mit einem "Refugees good-bye"-Aufkleber auf seinem Auto herumfährt, vom Anpassungsdruck befreit?

Nun ja, wenn er befreit wäre, hätte er es nicht nötig, das zu betonen. Für mich wäre interessant, wogegen dieser Mensch eigentlich protestiert. Wenn ich mit diesem Menschen ins Gespräch käme, würde ich sehr bald weg von der Flüchtlingskrise kommen und stattdessen über sein Leben sprechen. Die Frage wäre dann, wie es um seine innerseelische Situation steht. Offensichtlich besteht in diesem Fall das seelische Bedürfnis, etwas loszuwerden.

Der Herdentrieb ist doch etwas Natürliches. Was macht den Mainstream so problematisch?

Problematisch daran ist, dass die pathologische Verhaltensweise und der Irrtum heutzutage immer öfter als "normal" erscheinen, bloß weil sich die Mehrheit so verhält. Das bezeichne ich als "Normopathie" unserer Gesellschaft - und gemeint sind damit die Menschen, die Gesellschaftsstrukturen benötigen, in denen sie ihre Störungen erfolgreich entfalten oder protestierend austoben können, und zugleich sichergestellt ist, dass die eigene Fehlentwicklung auf gar keinen Fall erkannt wird. Mehrheitsmeinungen sollten aus diesem Grund immer kritisch hinterfragt werden.

Indem Sie Menschen als "Normopathen" bezeichnen, könnte man Ihnen vorwerfen, dass Sie pathologisieren.

Ja und Nein. Zum einen bin ich Arzt und Psychotherapeut genug, um immer wieder die Grenze zwischen einer Krankheit zu sehen, die ihren entsprechenden Stempel erhält und Behandlungsberechtigung bei den Krankenkassen hat, und auf der anderen Seite die Vorboten einer möglichen Erkrankung zu erkennen. Wie man weiß, ist der Übergang vom Gesunden zum Kranken fließend. So gibt es real schwer kranke Menschen, die jedoch in ihrem Verhalten relativ unauffällig und fast gesund sind. Es gibt zugleich auch Menschen, denen medizinisch wenig nachgewiesen werden kann, die aber sehr leiden oder andere leidend machen.

Aber sind wir alle krank?

Mir liegt sehr viel daran, dass man nicht sagt: Wir sind alle krank, sondern wir leben falsch. Und falsches Leben bringt ein hohes Risiko mit sich, auch tatsächlich krank zu werden. Meiner Ansicht nach drückt sich falsches Leben auf zweierlei Weise aus: Einerseits kann sich das falsche Selbst über Krankheit, Symptome und Konflikte zeigen. Dies bedeutet, dass ich mich im Konflikt befinde zwischen meinem Innersten und dem, was ich soll und muss.

Und die anderen reagieren ihre Wut nach außen ab.

So ist es. Dieses soziale Ausagieren zeigt sich beispielsweise am Fremdenhass oder an anderen gesellschaftlichen Auffälligkeiten. Diese Menschen tragen ihre Entfremdung ins soziale Zusammenleben und vergiften es damit. Die Schwierigkeit besteht darin, berechtigte Kritik realer Probleme von der Projektion aus innerseelischem Druck zu unterscheiden. Von solchen Projektionen leben nicht nur einzelne Bürger, sondern auch die aktuelle Politik mit allen Vertretern, die von ihrer jeweiligen Partei behaupten, die Besten zu sein, und jeden politischen Gegner schlecht machen. Aber wissen Sie, was mir ernsthaft Sorgen bereitet?

Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft?

Sorge bereitet mir in der Tat die Spaltung der Gesellschaft in Hetzende und Helfende. Dabei sind es letztlich verfeindete Geschwister und man übersieht leicht, dass alle, ganz gleich, ob links und rechts oder arm und reich, in einem Boot sitzen, nämlich dem des falschen Lebens.

Das Bild der verfeindeten Geschwister lässt an eine Familienaufstellung denken. Welche Symptome sehen Sie?

In der Familiendynamik findet es sich häufig, dass Geschwister verfeindet sind. Dann bekämpfen sie sich, sie machen sich gegenseitig schlecht und hassen sich. Meistens gibt es eine familiäre Problematik, die aber nicht gemeinsam erkannt wird. Eigentlich könnten sich die Geschwister verbünden und sagen: Wir haben schlechte Eltern und wir müssen den Aufstand wagen. Doch diese Konfrontation wird vermieden - und stellvertretend ist das Geschwisterkind der Sündenbock, der das alles abkriegt.

Wozu braucht jemand Feinde?

Menschen, die Feinde benötigen, tragen in sich Verletzungen, Kränkungen und Demütigungen, die aufgestaut sind. Und zwar zurecht, weil sie schlecht behandelt worden sind. Das konnten sie allerdings nicht austragen, weil es die Eltern oder nahe Bezugspersonen betraf, und daher mussten sie es verbergen. Doch wenn etwas verleugnet oder verdrängt ist, ist es noch immer da, nur eben aus dem Bewusstsein ausgeschaltet. Und dies verursacht einen Gefühlsstau, der sich irgendwie entladen muss. Dann melden sich beispielsweise Kopf- oder Rückenschmerzen als Zeichen dafür, dass aufgestaute Gefühlsenergie somatisiert wird. Oder man trägt es sozial aus, indem man den lästigen Nachbarn, den Partner, die ungerechten Vorgesetzten, die Flüchtlinge und den politisch Andersdenkenden beschimpft. Im falschen Leben sind immer die anderen schuld, damit man die eigene Entfremdung nicht erkennen muss. So gesehen könnte man sagen: "Jeder hält sich sein Schwein."

Hinter der Fassade eines Großmauls steckt wirklich oft das arme Würstchen, an das man nur zu gern glauben möchte?

Richtig! Die ungestillte und bedürftige Seele, die immer hinter der Fassade narzisstisch gestörter Menschen steckt, greift gern zur verbalen Keule. Das lässt sich tagtäglich an Politikern wie dem US-Präsidenten Donald Trump oder dem türkischen Staatschef Tayyip Erdogan beobachten. Bei beiden ist die Störung ja offenkundig. Aus normopathischer Sicht stellt sich die Frage: Was geht in den Menschen vor, die solche Führungspersönlichkeiten wählen?

Nämlich?

Die Politiker werden zu Rettern und Erlösern stilisiert, um eigene Probleme und die gesellschaftliche Krise nicht wahrnehmen zu müssen.

Auffallend ist, dass viele nur noch glauben und fühlen. Warum wird so erbittert über die Wahrheit gestritten?

Weil jeder, der einen kritischen Blick auf die gesellschaftliche Situation wirft, eine ernst zu nehmende Gefahr darstellt. Aus diesem Grund muss alles Kritische diffamiert werden.

Was ist die Wahrheit?

Die Wahrheit wäre doch: So können wir nicht weiterleben. Denn die Ungerechtigkeiten nehmen immer weiter zu, die Umweltzerstörung wird größer, die Terrorgefahr wächst und wir befinden uns mitten in der Flüchtlingskrise. Wer all das thematisiert, bringt etwas sehr Ernstes auf die Bühne. Und das wird von der Mehrheit heutzutage nicht gewünscht. Im Grunde müssten wir jedoch sagen: Unsere bisherige Lebensform ist zu Ende.

Das klingt sehr düster.

Das stimmt. Ich bin durchaus pessimistisch hinsichtlich solch hoher Werte wie Frieden, soziale Gerechtigkeit und Demokratie, die meiner Überzeugung nach über kurz oder lang zerstört werden, wenn sie nicht auf innerseelischem Frieden und innerer Demokratie beruhen. Wir müssen begreifen, dass äußere Demokratie nur ein wackliges Gerüst bleibt, solange keine innere seelische Demokratisierung erfolgt. Es wäre daher sehr wichtig, dass wir lernen, uns zu verändern.

Was verstehen Sie unter seelischer Demokratisierung?

Für mich ist das Feindbilddenken, das immer mehr um sich greift, ein klares Anzeichen für mangelnde seelische Reife und Selbsterkenntnis. Nur wer seine unangenehmen seelischen Anteile, also auch Ängste, Fehler, Schwächen und die eigenen Lügen kennt und lernt, damit verantwortlich umzugehen, erlangt innerseelische Demokratie. Äußere Demokratie benötigt Feinde, um von der inneren Spannung abzulenken. Die Verweigerung der jeweiligen individuellen Heilung liefert die energetische Munition für das neue Freund-Feind-Denken. Das lässt sich im Privaten wie auf der internationalen politischen Bühne bestens beobachten.

Gibt es deshalb Menschen, die sich angeblich sogar lieber Stromstöße verpassen, als sich mit ihrem Innenleben zu befassen?

So ist es. Weil der Blick nach innen für viele sehr belastend ist und man dort sogenannte seelische Minderheiten vorfindet, das heißt all das, was Angst macht, was verletzt hat, was peinlich und unangenehm war und ist. Dort, wo der Hass schmort, ist der Blick nach innen verbarrikadiert. Je mehr verborgen sein muss, desto größer ist die Abwehr. Viele Menschen haben sich mühevoll ein Ersatzleben antrainiert, um frühe Kränkungen irgendwie auszugleichen. Froh ist derjenige, der es halbwegs geschafft hat, sich abzulenken. Schauen Sie sich doch nur um!

Sie meinen all die Menschen um uns herum, die auf ihre Smartphones starren?

Zum Beispiel. Worum es mir geht, ist die Ablenkung, an die das falsche Leben gebunden ist. Die Medienwelt ist meiner Meinung nach nichts anderes als die größte Arena für Ersatzgefühle.

Was sind Ersatzgefühle?

Denken Sie doch bloß an den Fußball. Wie die Leute sich erregen, weinen und schreien vor Freude und Begeisterung.

Was ist daran so schlecht?

Eigentlich nichts, es ist eine schöne Ablenkung.

Also?

Aber die heftigen Gefühle sind im Grunde genommen absurd! Es geht schließlich um einen Ball und nichts weiter.

Sie sind eindeutig kein Fan!

Um Gottes willen, nein! Der Fußball wird benutzt, um die aufgestauten Affekte der Freude, der Begeisterung, ebenso wie die der Trauer abzuführen. Es ist also wie ein Überdruckventil des Gefühlsstaus.

Aber das ist doch gut!

Ja, erst mal! Zweifellos ist es entlastend, aber es wird ja nicht in einen stimmigen Zusammenhang zu den wirklichen Gefühlen gebracht. Sondern der Fußball wird vielmehr benutzt, ihm wird etwas "angehängt", was ich an Sehnsucht oder Ärger loswerden will. Warum weint man, wenn eine Mannschaft verliert? Ersatzgefühle wirken peinlich und aktivieren beim anderen Fremdschämen, während echte Gefühle uns sehr berühren, aber leider in unserer Kultur ein Stiefkind-Dasein führen. Doch nur über die Fähigkeit zu Gefühlen finden wir zu einem echteren Leben.

Woran erkenne ich das echte Leben?

Es geht um das Übereinstimmen eines inneren Zustandes mit der äußeren Realität. Ein echtes oder wahres Leben existiert nicht als erreichbares Ziel, sondern immer nur für Augenblicke. Das wahre Leben ist in diesem Zusammenhang immer subjektiv, dynamisch und situationsgebunden. Wenn ich mich darum bemühe, kann ich Situationen erleben, in denen ich das Gefühl habe: Jetzt stimmen meine Möglichkeiten mit dem überein, was ich äußerlich lebe oder leben muss. Dann entsteht eine Resonanz zwischen meinem inneren Befinden und der äußeren Realität.

Wie steht es um Ihre eigene Selbstentfremdung?


Oh, die ist groß. Sehen Sie, die Zeit des Nationalsozialismus habe ich noch als Kleinkind erlebt, meine Familie wurde vertrieben und später bin ich durch die autoritär-repressiven Verhältnisse in der DDR eingeschüchtert worden. Mein ganzes Leben bis hin zur Berufswahl dient dem Bemühen, meine eigene Selbstentfremdung zu mildern. Von Überwindung würde ich nicht sprechen, weil sich sehr früh entstandene Störungen nicht beseitigen lassen. Würde ist für mich ein wichtiger Begriff. Ich bin der Überzeugung, dass mir keiner meine Würde geben kann und letztendlich keiner wirklich nehmen kann. Und Würde heißt für mich, vor allem mich um mein Inneres zu kümmern, um Selbst-Entfremdung zu überwinden.



Herr Höcke und das Holocaust-Mahnmal

Eine Kolumne von Thomas Fischer


Der AfD-Politiker Höcke hat eine Rede an sein "liebes Volk" gehalten. Das Stelenfeld in Berlin-Mitte war ihm einen Gag wert. Alle sind empört.

Der Oberstudienrat Bernd Höcke, geboren 1972, möchte gern ein Opfer sein. Er müsse, so sprach er am 17. Januar in Dresden, unendlich viel hinnehmen, erleiden – ja erdulden. Er nehme dies aber gern auf sich, weil allein solch ein geduldiger Leidensweg ihn und das liebe Volk zum "endgültigen Sieg" führen werde.

Früh begann sein hartes Los: Herr Höcke ist ein "Vertriebener", und ein Heimgekehrter zugleich. Vertrieben waren allerdings nur seine Großeltern, und heimgekehrt ist er selbst nach einer Weltenreise von immerhin 300 Kilometern von Lünen über Anhausen und Gießen nach Bornhagen, einem Örtlein von 302 Einwohnern im Bezirk Hanstein-Rusteberg. Dort, so sagte Herr Höcke umbrandet vom Jubel der Dresdner Patrioten, habe er sich vorbildlich in die Thüringer Population integriert.

Zwei Semester Jura haben ihm in der Jugend gereicht, um an der Verderbtheit des deutschen Rechtssystems (oder der Unbegabtheit zum Studium der Rechte) zu verzweifeln. Er lehrte dann lieber die hessische Jugend die herrlichen Fächer Sport und Geschichte als Oberstudienrat (Besoldungsgruppe A 14), also in einer Position, die 95 Prozent seiner "lieben jungen Freunde" und seines "lieben Volks", an welche er in Dresden sein Wort richtete, niemals werden erreichen können.

Aber nichts soll hier gegen Geschichtslehrer gesagt werden: Die deutschen Helden, die Großen der Kultur, die Giganten der Paläste und Schlösser, der Sinfonien und Gedanken – wer kennte sie besser als Höcke Björn, OStR aus Marburg an der Lahn?

Populismus

Was bedeutet "Populismus"? Wir haben uns daran gewöhnt, dass irgendwelche krakeelenden und unpassend sich gerierenden Menschen von anderen, seriös Daherkommenden als "Populisten" bezeichnet werden. Man findet den Begriff gern auch aufgeteilt in 1) "Linkspopulist" (sagen wir: Bruno Chavez, Katja Kipping), 2) "Rechtspopulist" (sagen wir: Geert Wilders, Alexander Gauland, Wladimir Schirinowski) und 3) "Populist" im Allgemeinen (sagen wir: Silvio Berlusconi, Donald Trump, Frauke Petry). Diese Aufzählung ist natürlich auch schon wieder aqua destillata auf die Gebetsmühlen der Populisten, deren Populistentum sich vor allem daraus speist, Populisten genannt zu werden, obwohl sie doch die Enthüller der Wahrhaftigkeit in der Wüste der Lüge sind, was schon dadurch bewiesen ist, dass sie diese Behauptung von früh bis spät wiederholen. Manche von ihnen, mit der richtigen ICD-10 – Nummer, glauben es wohl auch selbst. Sie blicken aus dem Fenster und sehen, wo die Wissenschaft nur leere Flächen wahrnimmt, leibhaftig einskommafünf Millionen Menschen vor dem Haus stehen, ergriffen jubelnd.

Denn, mal im Ernst: Käme man auf die Idee, zum Beispiel Herrn Gauland einen "Populisten" zu nennen, als sei er der Vertreter einer geistig-moralisch-politischen Definitions-Elite und nicht ein etwas in die Jahre gekommener Pappkamerad mit langer Nase und noch längerer Leitung?

Populus ist bekanntlich ein lateinisches Wort. Es wird gemeinhin mit "Volk" übersetzt, weswegen die Lichtgestalten der Europäischen Völker (Le Pen, Wilders, Petry und andere) sich ja auch gerade unter Fahnengeflatter und Trompetengeschmetter getroffen und dann verkündet haben, dieses Ereignis sei der Beginn einer historischen Befreiung der "Europäischen Völker" voneinander, überdies vom Islam, von Amerika, der Europäischen Union und überhaupt allem, was die lieben Völker nicht verstehen.

"Populismus", so sagt Wikipedia, ist geprägt von Ablehnung der Machteliten und Institutionen, geprägt von Anti-Intellektualismus, scheinbar unpolitischem Auftreten, Berufung auf den "gesunden Menschenverstand" (common sense) und die (ganz berühmt) "Stimme des Volkes" (vox populi). Geprägt auch von Personalisierung, Moralisierung und Argumenten ad populum oder ad hominem (meint: ans einfache Volk oder an das Individuum).

Stimmt. Deshalb gibt es ja seit Jahrzehnten den "Politischen Aschermittwoch", die "Neujahrstreffen", die Festansprachen, die Pressemitteilungen und viele andere Veranstaltungen der Verlautbarung. Deshalb berichten uns täglich Print- und Online-Medien, was der Politiker A möglicherweise über den Politiker B gesagt oder besser noch gedacht hat, wer wann wie was werden möchte, könnte, darf oder soll, was man denken dürfen soll und wer ins Dschungelcamp einziehen darf - letzteres selbstverständlich nur mit der humorvoll-jovialen Distanz, die Frauke Petry von Gina Lisa Lohfink, Anne Will von Erika Steinbach und Dirk Bach von Alice Schwarzer unterscheidet. Der jeweils pure Wille also zur Information. Für die Eliten bereiten die Sender ab 22 Uhr Folgendes noch einmal kurz zusammengefasst und lang bequasselt  auf: Bricht die Welt zusammen? Was wird aus Amerika? Sind Dax, Botox, Polizei und Parteien am Ende?

Populismus ist also ein rätselhaftes Phänomen, das in den Labors der Politologischen Seminare nachgewiesen wurde, jenseits der infektionshemmenden Trennscheiben, aber seit ungefähr 250 Jahren eine Massenseuche ist, an welcher rätselhafter Weise immerzu die jeweils anderen  erkranken, man selbst aber nie.

Aufstand gegen die arabische Kichererbse

Björn Höcke ist ein Politiker. Die meisten Mitbürger mögen ihn nicht, manche mögen ihn. Ich kenne ihn nicht. Er schreit auf irgendwelchen Bühnen herum, wird bejubelt von Menschen, die sich (vermutlich zu Recht) verdummt und verdammt fühlen, aber (zu Unrecht) auf ganz fern liegende Weise. Und er hat große Freude daran, die Beschränktheit seiner Zuhörer als Bestätigung seiner eigenen Intelligenz umzudeuten. Wenn Herr Höcke zum Beispiel schriee: Das deutsche Volk muss aufstehen gegen die Vergiftung durch arabische Kichererbsen, so würde sich das auf keinen Fall gegen Arabien oder gegen die Kichererbse richten, sondern einzig und allein gegen die Lebensmittelvergiftung. Auf diesem intellektuellen Trick-Niveau, liebe Leser, ist die von Höcke angekündigte Weltrevolution leider angesiedelt.

Sie müssen das nicht glauben. Sie können es einfach nachprüfen, indem Sie seine Rede lesen, über die vergangene Woche so viel berichtet wurde. Sie ist nicht lang, das schaffen Sie. Sie steht im Wortlaut im Netz. Ich habe einige Meinungen dazu gelesen, und hatte dabei gelegentlich den Eindruck, dass die Meinungsäußerer den Gegenstand ihrer Begeisterung oder Empörung gar nicht so recht kannten.

Die bei Herrn Höckes Sportpalast-Momentum dabei waren, fanden die Rede offensichtlich supergut: Sie schrien herum, applaudierten stehend bei jedem doofen Gag, den er auf ihre Kosten machte, forderten, Frau Merkel nach Sibirien zu verfrachten, mit den "Altparteien" abzurechnen und dem lieben deutschen Volks wieder zurückzugeben, was ihm gehört: Hinter die "Fassaden" der Monarchie also die "Inhalte", hinter die "Fassaden" der aristokratischen Hochkultur also deren Inhalte und Bedeutungen. Da geht das Herz des Dresdner Jungmannes auf, und er kann das Wasser kaum halten vor lauter Vorfreude auf das nächste Konzert in der Semperoper und die königliche Garde, die aus den Kulissen des Stadtschlosses herausmarschiert und ihn und seinesgleichen mit ein paar Schrotpatronen oder einem wassergekühlten Maschinengewehr ins Reich der Träume schickt, wenn er das Maul des Volks noch einmal aufzumachen wagt.

Ja, das ist der Herr König Björn, der Deutschland wieder den Vertriebenen übergeben möchte (also sich selbst), Thüringen den "Integrierten" (also sich selbst) und Europa dem lieben Volk (also sich selbst). Der Redner selbst war von den eigenen Ergüssen sichtlich gerührt.

Ich selbst fand die Ansprache – auch nach zweimaligem Lesen und Ansehen – eher suboptimal. Oder besser: Unterkomplex. Oder sagen wir kritisch: Dem Live-Publikum auf eine unangenehme, aufdringliche und herablassende Weise angemessen. Ein hessischer Geschichts-Oberstudienrat mag zwar rechtsradikal, verantwortungslos oder karrieregeil sein – aber vollständig blöd wird er nicht sein, auch wenn er in einem SPD-regierten Bundesland sein Abitur abgelegt hat.

Und 2017 ist nicht 1934: Oberstudienrat Höcke heißt ja gar nicht Ernst Röhm. Und da draußen stehen keine lieben, lieben Kameraden. Und das deutsche Volk darbt auch nicht in Elend, Hunger und Schmach. Das liebe Volk findet vielmehr, dass es vom globalen Kapitalismus verarscht wird, dass man den Eliten nicht mehr trauen kann und dass die Versprechungen der Parteien sich nicht erfüllen. Wie alle lieben Völker neigt es in solchen Lagen bedauerlicherweise dazu, die Schuld für das Elend nicht bei denen zu suchen, die es ihm ein gebrockt haben, sondern bei denen, die noch schlechter dran sind. Und weil es so schön ist, erklärt man sich dann selbst zum "Volk" oder gar zum "Bio-Volk". Nun könnte man fragen, ob ein deutscher Taxifahrer oder Arbeitsloser aus Dresden mehr mit Herrn Middelhoff und Herrn Winterkorn gemein hat, zwei original biodeutschen Volksgenossen, oder mit einem türkischen Taxifahrer oder Arbeitslosen aus Kreuzberg. Damit solche Fragen erst gar nicht aufkommen, gibt es Herrn Höcke und seine sieben tapferen Schneiderlein.

Eine letzte Chance

Herr Höcke droht, wenn man richtig hört, dass er unserem Staat "eine letzte Chance" geben will, seinen Gesinnungsgenossen ohne Gewalt die Herrschaft zu übertragen, andernfalls dasselbe halt mit Gewalt geschehen werde. Das sind Worte, die man hierzulande länger nicht gehört hat. Alle Repräsentanten der Bundesrepublik, mögen sie auch im Einzelfall von zweifelhafter Glaubwürdigkeit gewesen sein, haben doch seit 70 Jahren beschworen, dass sie mit ganzer Kraft und ganzem Mut jeglichem Bestreben solcher Art entgegentreten wollen.

Und haben es auch tapfer getan: Eine Partei mit dem Ziel eines revolutionären Umsturzes, die "KPD", wurde früh verboten. Dieselbe Richtergeneration, die von 1933 bis 1945 die Anhänger dieser Partei bereitwillig hatte liquidieren lassen, verfolgte die unbelehrbar Überlebenden ab 1956 wieder mit der "ganzen Härte des Gesetzes".

Einer breiten Bewegung von Menschen, die in den Jahren 1967 bis 1969 eine "Weltrevolution" forderten, Fensterscheiben einwarfen, Eigentumsdelikte begingen und in rührender Verkennung von Pubertät, Moral, Interesse und objektiver Weltlage, bei gleichzeitig hellsichtiger Erahnung der "Repressiven Toleranz" nach Art von Schröder-Kohl-Merkel (von Juncker-Berlusconi-Bush-Putin ganz zu schweigen) die Vollendung der Geschichte unter der Anleitung von Guevara, Mao, Hoxha oder anderen gekommen sahen, stemmte sich der Rechtsstaat unter Führung des ehemaligen NSDAP-Mitglieds und Generalbundesanwalts Rebmann mit Erfolg entgegen: Die Macht, die aus den Gewehren kam, verblich an Auszehrung, kaum waren die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der Gewerkschaften und die Radikalenerlasse der öffentlichen Verwaltungen in der beamtenrechtlichen Wirklichkeit angekommen.

Seit der "Kommunistische Bund Westdeutschlands" (KBW) und der Kommunistische Bund (KB) und die zahllosen Albanien-, China-, Russland- , Stalin, Lenin-, Trotzki-, Guevara- und sonstigen Heiligen-treuen Glaubensgemeinschaften ihren Geist aufgegeben und sich mehrheitlich zum ökologischen Landbau, sodann zum Feminismus, in der Folge zum Natur- und schließlich zum Menschenschutz im Allgemeinen – unter Berücksichtigung der Bedingungen der Machbarkeit, versteht sich! – gewandelt hatten, war die Lage wieder etwas entspannt.

Droht ein "1968 von rechts"?

Heute, so hören wir, komme ein "1968 von rechts" über uns: Ein Vereinfachungsdschungel mit den Wurzeln an der Oberfläche der Wirklichkeit und den blühenden Fantasien im Unterirdischen. Wir wollen das nicht überschätzen. Was sollen die Menschen machen, wenn die Globalisierung des kapitalistischen Marktes sie von allem enteignet, was menschlich, vertraut, sicher und berechenbar ist? Die Völker bestehen nicht aus promovierten Sozialphilosophen, und die hessischen Geschichtslehrer wissen auch bloß, was im Lehrplan für die 8. Klasse steht.

Das Tragische und Alberne an Höcke ist daher nicht, dass sein dumpfes Gefühl der Verlorenheit und Verratenheit falsch ist. Wir wollen ihm auch nachsehen, dass er Reden der Vergangenheit zu imitieren sucht, obgleich er nicht mehr zustande bringt als sorgsam an Genauigkeiten, Tatbeständen und Verantwortungen vorbeizureden. Wir kennen das von Rechtsradikalen seit 70 Jahren: Wortfetischismus, Oberschlauheit für Doofe, Verachtung von Verantwortung. Die unten stehen und das Geschwätz jubelnd für bare Münze  nehmen, sind vorher Opfer, dann Werkzeug und im Nachhinein wieder Opfer. Und haben doch immer nur das Gute gewollt, auch wenn das für die anderen manchmal hart werden musste. So tut das liebe deutsche Volk immer wieder seine Pflicht an der Welt: Die Massengräber der letzten großen Pflichterfüllung liegen noch vor unseren Augen, da jubeln liebe Volksgenossen schon wieder, wenn Flüchtlingsheime brennen.

Wir nehmen dem Oberstudienrat übel, dass ihm nichts Anderes entweichen will als die warme Luft des Ressentiments gegen solche, die vermeintlich noch tiefer stehen. Hätte er auch nur ansatzweise den Mut, den er für sich in Anspruch nimmt, forderte er Rechenschaft von denjenigen, die ohne Skrupel die Welt zu einem globalen Ort der Bereicherung der Milliardäre gemacht haben. Stattdessen stellt er sich samt seinen Kumpanen an die Spitze eines traurigen Haufens von Globalisierungsverlierern, die heim ins Reich ihrer Mutterbäuche streben und dafür alles niedertreten wollen, was noch schwächer ist als sie. Nicht zufällig übrigens mit besonderem Erfolg im Osten Deutschlands: Die Vokabeln des vermeintlichen Volkstums und der naturgesetzlichen Gewalt sind dort allesamt noch verfügbar. Die Schande des Oberstudienrats aus Lünen und seiner Genossen ist es, dies für das eigene Fortkommen zu benutzen und Menschen aufeinander zu hetzen, statt ihnen die Wahrheit zu sagen.

Strafbarkeit?

Das deutsche Volk, so sprach der Geschichtslehrer Höcke, sei "das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat". Na ja: Empirisch etwas ungenau, begrifflich etwas vage. Ein schönes Bild ist "das Herz der Hauptstadt" in Verbindung mit "Volk". In Bonn hätte sowas nicht funktioniert. Ich selbst bin der Sohn eines tschechischen Vertriebenen, der im Weltkrieg I für Österreich-Ungarn gekämpft hat. Ich habe ab 1993 vier Jahre im verkommenen Leipzig und vier Jahre im lieben Dresden verbracht. Das "Herz der Hauptstadt" und das Herz des Dresdner AFD-Anhängers für das Stadtschloss von Berlin, die preußischen Philosophen und die rassereine Hochkultur der deutschen Nation sind mir also recht gut vertraut. Deshalb halte ich die wirren Behauptungen des Oberstudienrats aus Marburg für abwegig.

Ist die Äußerung von Höcke aber nicht nur abwegig, sondern strafbar? Politiker der moralisch führenden Partei haben, wie sie mitteilen ließen, alsbald Strafanzeige wegen "Volksverhetzung" erstattet. Das ist, wie Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung vom 21. Januar anmerkt, ein komplizierter Tatbestand. Genauer gesagt: Eine Vielzahl von Tatbeständen unter einer Nummer, verpackt in mehrere Absätze.

In Betracht kommt hier nur Paragraf 130 Absatz 3 oder Absatz 4 StGB:

"(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 6 Abs. 1 des Völkerstrafgesetzbuches bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

(4) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer öffentlich oder in einer Versammlung den öffentlichen Frieden in einer die Würde der Opfer verletzenden Weise dadurch stört, dass er die nationalsozialistische Gewalt- und Willkürherrschaft billigt, verherrlicht oder rechtfertigt."

Der Leitende Redakteur Prantl meint in der SZ, die Strafjustiz müsse sich nur mal ein bisschen interpretatorisch anstrengen, dann werde sie die Erfüllung des Tatbestands schon irgendwie herbeifeststellen. Der Rechtsgelehrte Gauland murmelte in der ihm eigenen Deutlichkeit im Fernsehen, der Volksfreund Höcke habe doch nur gesagt, dass das Mahnmal das Denkmal einer Schande sei. Da hat er ja nun mal Recht. Zutreffend hat daher Carolin Emcke in derselben SZ vom 21. Januar angemerkt, es gehe Höcke um die Desavouierung, Delegitimierung und Eliminierung der Erinnerung an die Schande seines "lieben Volks", wie er es verstehen möchte. Grölend feiern ihn dafür die Freunde aus Dresden. Gemeinsam mit Höcke stehen sie bebend vor der Frauenkirche, ihrem allerliebsten Ort der Selbstvergewisserung, und fragen den Geschichtslehrer: Wer war schuld an diesem Kriegsverbrechen? Und antworten gleich selber: Es waren der Bomber-Harris und der Moslem.

Das kann man machen. Schon immer (Festschrift für Kristian Kühl) aber habe ich gesagt: Blödheit ist nicht strafbar. Das gilt nicht nur für Stalin- und Pol-Pot-Bewunderer, sondern auch für Putin-, Trump-, Röhm- und sonstige Freunde diverser "Bewegungen".

Ein durch die Wüste ziehender Haufen von Jüngern

Das liebe Volk
Herr Höcke möchte, wie in Dresden gesagt, für immer eine "Bewegung" sein, mit Höcke an der Spitze. Keine Partei also, keine Bürokratie, sondern auf ewig ein durch die Wüste ziehender Haufen von Jüngern, die dem Heilsbringer und seinen Eingebungen folgen wie einst das Volk Israel seinem Mose oder der Dreschflegel-schwingende Bauer dem Räuberhauptmann. Das ist normal. Oder sagen wir: Es ist ein überaus gewöhnlich pathologischer Zug aller Menschen, die gern irgendetwas anführen möchten. Höcke ist insoweit eine extrem verkleinerte Version des Kaisers Nero (definitiv nicht deutsch) in der Verkörperung durch Herrn Peter Ustinov (definitiv auch deutsch).

Es ist ein gespenstischer Zug, der da vor meinem geistigen Auge durch das Jammertal von Elbe und Pleiße wandert, angeführt vom Oberstudienrat aus Lünen und Marburg und einer ruckartig wirkenden, insolventen Polyurethan-Herstellerin aus Bergkamen. Das soll aber allenfalls die Kompetenz dieser Volksfreunde als Führungspersönlichkeiten mit einem Fragezeichen versehen. Das Volk selbst ist, wie es ist. Bekanntlich hat es immer Recht, vor allem, wenn es irrt.

Es mögen also die lieben Freunde aus Dresden einmal ins Herz ihrer Hauptstadt fahren. Dort sollen sie ins Stelenfeld gehen, sich im Labyrinth der Vertiefungen, Schrägen und Ungleichartigkeiten verstecken, wiederfinden und fotografieren, und die 500.000 Menschen betrachten, die dasselbe jährlich tun. Sie sollen, wenn sie es vermögen, einmal denken, die eine Säule stehe für sie selbst, die andere für ihren liebsten Menschen, die dritte für ihren schlimmsten Feind. Sie sollen sie miteinander vergleichen. Dann sollen sie sich an den Rand des Feldes stellen und so laut wie möglich ihren eigenen Namen und den Satz des Oberstudienrats Bernd Höcke über das Feld rufen. Damit die ganze Welt weiß, wie lieb sie ihr Volk haben.

Wenn sie zur Frauenkirche und all den deutschen Geistesgiganten (um ein paar Bespiele für Königskinder zu nennen, die einst aus Mangel an Erwiderung ihrer Liebe zum deutschen Volk in die weite Welt gezogen sind: Adorno, Ausländer, Canetti, Döblin, Einstein, Feuchtwanger, Haffner, Grosser, Heym, Lasker-Schüler, Marcuse, Musil, Ledig-Rowohlt, Seghers, Toller, Traven, Werfel, Wiesel, Zuckmayer, Zweig) wieder zurückgekehrt sein werden, sollen sie sagen: Ich habe mich nicht strafbar gemacht. Dann ist alles gut.

 © ZEIT ONLINE 24. Januar 2017

Thomas Fischer ist Bundesrichter in Karlsruhe und schreibt für ZEIT und ZEIT ONLINE über Rechtsfragen. Weitere Artikel seiner Kolumne Fischer im Recht finden Sie hier – und auf seiner Website.


Lieber deutscher Nazi!

Von MELY KIYAK

Kein Kopf ist gerollt, keine Republik erschüttert, kein Minister trägt für rechte Gewalt Verantwortung. Als Nazi, als Menschenhasser oder Minderheitenbespucker lebt man in diesem Land wie Gott in Frankreich!

Deutscher Neonazi sein – das wär“s! Gibt es etwas Herrlicheres? Zwei Monate ist es her, dass das Serienkillerkommando NSU aufflog. Was folgte? Mit Neonazis zu sympathisieren, muss auch vortrefflich sein. Weil man relaxed zusehen kann, wie der Skandal konsequenzlos bleibt. Für jene, die mit Rechtsradikalen oder Nazis innerlich flirten oder einfach nur vom Moslemhass zerfressene Bildungsbürger sind, ist die Bundesrepublik seit ihrer Gründung eine einzige, Jahrzehnte andauernde Wellnesskur für rechten Geist und Gesinnung. Die besten Wahlkämpfe, die spannendsten Talkshows, die spektakulärsten Überschriften gelingen in diesem Land immer noch mit Menschenhass. Mit Hass auf Türken, auf Ausländer, Asylbewerber, Flüchtlinge.

Hey, Länder dieser Erde, schaut auf unsere Republik, würde ich als Nazibraut voller Stolz rufen! Formaljuristisch sind Rassenhass, Diskriminierung und jegliches antidemokratisches Handeln verboten. Rechtsradikale Skinheads, aber auch Krawattenträger in ordentlich gegründeten, staatlich finanzierten Neonazi-Parteien wurden stets durch sämtliche Minister geduldet. Ich habe noch keinen wegen so etwas ausflippen sehen. Bequem leben auch solche, die rechtsextrem denken und links leben. Karriereknick in Politik und Wirtschaft wegen Moslemhass und Ausländerfeindlichkeit? Nicht bei uns! Hauptsache man ruft nicht „Heil Hitler“ ins Parlament, oder „Türke verrecke“. Darunter ist eigentlich alles möglich. In diesem Land ist es alltäglich geworden, dass Menschen, die nicht blond und blauäugig sind, angepöbelt und verprügelt werden. Manchem wird die mühsam errichtete Existenz mit Brandsätzen beschädigt oder vernichtet. Ich kenne keinen besorgten Bürgermeister.

Das Barbarische versteckt sich im Dulden. Wenn die Mehrheit etwas duldet, dann bedeutet es Zustimmung. Solange die zur Zielgruppe gehörenden Bürger nicht gleichmäßig stark in Politik, Wirtschaft und Medien vertreten sind, solange hinter den Opfern keine einzige ernstzunehmende, seriöse Organisation steht, solange das Ausland dieses Land für seinen tief verwurzelten Rassismus nicht geißelt (weil es selber auch nicht besser ist), solange lässt es sich als Nazi, als Menschenhasser, als Minderheitenbespucker, in diesem Land leben wie Gott in Frankreich!

Wenn man sich schlau anstellt, dazu gehört in Kreisen, wo sich Verfassungsschutz und Nazis treffen, nicht viel, kann man für sein Nazi-Sein sogar anständig bezahlt werden und so tun, als würde man petzen, oder ach was, man kann petzen, und es bleibt alles beim Alten. Welch Paradies! Man kann sein Nazitum in aller Öffentlichkeit unter Polizeischutz demonstrieren, ist das nicht zum Kaputtlachen? Wäre ich ein Nazi, ich wüsste gar nicht wohin mit meiner Freude.

Kein Kopf ist gerollt, keine Republik erschüttert, nie übernahm ein Minister Verantwortung für Mordopfer von rechter Gewalt, keine Rücktritte. Kein Umdenken, kein Umschreiben der Schulbücher, keine Gesetzesänderung. Die Umerziehung des deutschen Volkes, das sich wie zu besten Nazizeiten als genetisch homogenes Volk begreift und Angst vor seiner Abschaffung hat, ist misslungen. Köstlicher Zustand, dieses Nazi-Sein! Ein bisschen scheinheiliges Gedenkminüteln im Parlament, hin und wieder ein Kerzenmarsch, ansonsten, freies Land für freie Nazis.

Ihre Mely Kiyak


FR vom 13. Dezember 2011


Theodor W. Adorno: Der Trick mit der Gefühlsbefreiung

Was macht Verhetzte aus? Im Lichte des heutigen Populismus liest sich Adornos Untersuchung über den "autoritären Charakter" wieder beklemmend aktuell.

Wie immer man das Phänomen nennen will, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen – es ist nicht bloß eine Denkweise, sondern eine Gefühlswelt. Wird sie beschrieben, dann fallen Vokabeln wie Hass, Wut, Frust, Sorgen und Nöte. Und so viel steht fest: "Man kann diese Gefühle nicht einfach als zufällig oder den Menschen eingeredet abtun; sie gehören zum Grundbestand der modernen Gesellschaft. Misstrauen, Abhängigkeit, Sich-ausgeschlossen-fühlen, Angst und Desillusionierung fließen in eins zusammen und ergeben einen grundlegenden Zustand des Menschen im heutigen Dasein: das große Unbehagen." Kluge Worte, sie wurden vor 70 Jahren geschrieben.

So lange ist es schon her, dass die beiden Emigranten Leo Löwenthal, ein Deutscher, und Norbert Gutermann, ein Pole, ihre Untersuchung über die Reden rechtsextremer Führer in den USA veröffentlichten (Agitation und Ohnmacht). Ein Jahr später wurde auch ein zweites Buch fertig, das Theodor W. Adorno berühmt machen sollte: die sozialpsychologischen Studien zum autoritären Charakter. Die beiden Werke ergeben ein Bild protofaschistischer Verhetzung, das beklemmend aktuell wirkt. Und das eine Erklärung dafür anbietet, warum Menschen für Hetze so empfänglich sind.


Adornos Hypothese lautete, "dass die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Überzeugungen eines Individuums häufig ein umfassendes und kohärentes, gleichsam durch eine 'Mentalität' oder einen 'Geist' zusammengehaltenes Denkmuster bilden und dass dieses Denkmuster Ausdruck verborgener Züge der individuellen Charakterstruktur ist". Es gebe also zwei Schichten, die Ansichten und die seelischen Bedürfnisse, und sie hätten miteinander zu tun: Die Ansichten befriedigten die Bedürfnisse.

Adorno und seine Mitautoren wenden sich gegen die vulgärmarxistische Vorstellung, rechtsradikale Stimmungen seien einfach der Ausdruck sozialer Missstände. Sie vermuten stattdessen, dass "lange bestehende Sehnsüchte und Erwartungen, Ängste und Unruhen die Menschen für bestimmte Überzeugungen empfänglich und anderen gegenüber resistent machen". Zu diesen Sehnsüchten zählte schon damals, dass der permanente Veränderungsstress endlich aufhören möge. Das ist verständlich, aber doch regressiv: die Verweigerung eines erwachsenen Umgangs mit der Welt.

Heute ließe sich allerlei gegen die Adornosche Autoritätsstudie einwenden. Erstens ist ihre theoretische Grundlage fragwürdig. Das Charaktermodell, das sie entwirft, wird von veralteten Kategorien bestimmt. Da ist vom Ödipuskomplex und von anderen Fiktionen der Psychoanalyse die Rede. Sie sind alle Spekulation. Zweitens trägt die Datenbasis nicht weit. Insgesamt wurden zwar 2099 Personen mit Fragebögen erfasst; sie setzten sich aber aus Gruppen wie etwa Gefangenen, Studenten und Rotariern zusammen, die sich die Forscher als besonders interessant herausgesucht hatten, weshalb das Gesamt-Panel nicht repräsentativ war (was die Autoren auch einräumten). Die einzelnen Gruppen waren es freilich ebenso wenig, dafür waren sie zu klein. So geriet die Fragebogenaktion zu einer Art Netzfischerei; was hängen blieb, waren Fälle für Tiefeninterviews. Die aber sind interessant.

Sie zeigen, dass sich Vorurteile gegen Minderheiten durchaus unabhängig von sozialen Lagen herausbilden. Ein weiterer Befund ist der "Bruch zwischen angeblichem und wirklichem Denken". Etliche Befragte hatten ihre Fragebögen so ausgefüllt, wie sie es für erwünscht hielten ("politisch korrekt", würde man heute sagen) – erst im Gespräch zeigten sie ihre wahren Ansichten, oft in Form neurotischer Fixierungen. Das waren beispielsweise pathologische Überlegenheitsfantasien ("Ich kenne alle Hintergründe") oder auch sexuelle Triebe, die man sich nicht gern eingesteht, sie vielmehr anderen – namentlich den Fremden – zuschreibt, um diese sodann zu verurteilen.

Um Verborgenes geht es also. Theodor W. Adorno schreibt in seiner Analyse der Rundfunkreden von Martin Luther Thomas, einem faschistischen Prediger der dreißiger Jahre: "Unter der Maske christlicher Ekstase versteckt sich die Ermutigung zu Heidentum, orgiastischer Entfesselung der eigenen emotionalen Triebe, zur Regression auf die unartikulierte Natur." Der Autor sieht darin einen "Gefühls-Befreiungs-Trick".

Namentlich der Faschismus lebe "von dem Mangel an emotionaler Befriedigung in der Industriegesellschaft" und davon, "dass er den Menschen jene irrationale Genugtuung verschafft, die ihnen durch die heutigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse vorenthalten wird". Der faschistische Führer gebe "ein Modell für das Verhalten, das seine Zuhörer nachahmen und annehmen sollen. Sie sollen sich nicht zivilisiert benehmen, sie sollen schreien, gestikulieren, ihren Gefühlen freien Lauf lassen." So erklärt sich, warum die Anhänger Trumps oder ihre hiesigen Pendants dann besonders jubeln, wenn ihre Idole ein Tabu brechen: Das löst die Spannung zwischen dem, was man sagen darf, und dem, was man sagen will. Entzivilisierung macht glücklich.

"Bezeichnend für den Faschistenführer ist ein Hang zu geschwätzigen Erklärungen über die eigene Person", erklärt Adorno weiter. Das sei nicht bloß Narzissmus, "es ist ein Teil des Geheimnisses totalitärer Führung, der Gefolgschaft das Bild eines autonomen Charakters vor Augen zu stellen, der zu sein ihr in Wahrheit verwehrt wird". Wer ungehindert von zivilisierenden Schranken sein Ich auslebt, seine Selbstliebe und seinen Hass, ist autonom, ist ein freies Individuum, ein echter Kerl eben, und wird von seinem Anhang bewundert.

"Der Agitator", so nennen Löwenthal und Gutermann diesen Typus des Volksverhetzers, "ist sehr besorgt, weil alle Informationsmittel in die Hände der Feinde des Vaterlandes gefallen sind" – Mainstream-Medien, Lügenpresse, man kennt das. Er "spielt mit dem Misstrauen, das seine Zuhörer grundsätzlich gegen alle sozialen Erscheinungen hegen, die in ihr Leben eingreifen, ohne dass sie verstünden, wie das eigentlich geschieht". Zu diesen Erscheinungen rechnen die Autoren ausdrücklich die Immigration.

"Der Agitator", fahren sie fort, "kann offenbar voraussetzen, es mit Menschen zu tun zu haben, die unter dem Gefühl ihrer Hilflosigkeit und Passivität leiden. Er kann sich der Zwiespältigkeit dieses Komplexes bedienen, der einerseits einen Protest gegen jede Bevormundung enthält, auf der anderen Seite den Wunsch, beschützt zu werden (...), von einem starken Mann geführt zu werden."

Fazit: Das Phänomen, für das die Namen Trump, Le Pen oder AfD stehen, lässt sich nicht allein auf heutige Umstände zurückführen. Nicht nur auf demografische Umbrüche, die Globalisierung oder das Internet. Vor dem "großen Unbehagen" in Überlegenheitsfantasien zu flüchten ist eine dauerhafte Option. Manchmal genügt eine Unwucht im Parteiensystem oder die offenkundige Abnutzung einer Führungsschicht, und es beginnt eine Dynamik, die sich ihren Brennstoff sucht – sei dieser auch "postfaktisch", also herbeifantasiert und zusammengelogen. Er zündet dennoch.

Fragt sich nur, was aus alledem zu lernen ist.

Die Studien beschreiben Leute, die längst gegen Erfahrungen immun sind, welche ihre Vorurteile infrage stellen könnten. So stellt sich nach der Lektüre ein Gefühl der Hilflosigkeit ein; zu den Kennzeichen der Frankfurter Schule, der die Autoren angehörten, zählte es, analytisch stark zu sein, aber politisch resignativ. Rückzug ins bessere Wissen.

Politisch lernen lässt sich daraus dennoch einiges:

Überzeugte sind für Argumente unerreichbar, auch wer sich auf ihre Emotionen einlässt, belohnt diese nur. Die Leute leben jedoch inmitten einer Mehrheit, die anders denkt als sie. Daher hängt alles davon ab, wohin diese Mehrheit insgesamt tendiert. Gewinnt der rechte Rand ideologische und emotionale Energie aus seinem Nahfeld, oder verliert er sie daran? Als politische Aufgabe formuliert: Die Radikalen sollen sich nicht wie der Fisch im Wasser fühlen, sondern wie der Fisch an Land.

Die Politik muss zur Mehrheit sprechen statt zu den Verhetzten. Vor fast zwei Jahren sagte Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache über Pegida und Konsorten: "Folgen Sie denen nicht! ... Denn zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja sogar Hass in deren Herzen!" Damit wandte sie sich an das Umfeld: jene, die noch überzeugt werden können. Und sie wählte gefühlvolle Worte. Nicht kalt, sondern warm.

Nicht die Verhetzten muss die Politik gewinnen, sondern jene, die das "große Unbehagen" empfinden, ohne deswegen schon den Anstand verloren zu haben.

Von Gero von Randow
1. Dezember 2016,  DIE ZEIT Nr. 48/2016, 17. November 2016






Prävention
Gewalt und Radikalisierung  vermeiden – eine Anleitung

Wie Aggression, Gewalt und potenzieller Radikalisierung in Kindergärten und Schulen vorgebeugt werden kann, erklärt der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul in diesem Fachartikel für Experten. Ein exklusiver Beitrag, der auch Eltern wichtige Einblicke in eine hochaktuelle Thematik gibt.
Text: Jesper Juul

Diese Anleitung beschreibt, wie und warum wir einen höheren Grad an Gewalt und Aggression in Kindergärten und Schulen erwarten können, die aus der ablehnenden europäischen Haltung gegenüber den Flüchtlingen resultiert, und wie wir mit dieser Situation  als Lehrer und Eltern umgehen können. Der Text illustriert die unterschiedlichen und doch  identischen Quellen von Aggression bei europäischen und geflüchteten Kindern und  Jugendlichen, und die Notwendigkeit neuer pädagogischer Ansätze. Mit dem Begriff  «Prävention», den ich hier benutze meine ich Primärprävention. Da es über den  Zusammenhang zwischen politischen und kulturellen Haltungen gegenüber Migranten und  Flüchtlingen und dem Auftreten von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen  keinerlei Forschungsergebnisse gibt, sind die in Folge beschriebenen Ansprüche und  Vorhersagen nicht evidenzbasiert, sondern erfahrungsbasiert.
Die enorme Menge an Flüchtlingen und Migranten, die nach Europa kommen und die vielfältigen Methoden, mit denen unsere Regierungen beschlossen haben, sie nicht willkommen zu heißen, hat bereits von unseren eigenen Bürgern initiierte Gewaltausbrüche und Vandalismus zur Folge gehabt. Es gibt wenig Hoffnung, dass die Lage nicht eskalieren wird und es nicht noch gewaltsamere Konfrontationen, sowohl zwischen unterschiedlichen Bürgergruppen, als auch zwischen «uns und denen», geben wird»

Aus der jüngsten Geschichte haben wir gelernt, dass wir uns viel besser um die Kinder und Jugendlichen primär aus muslimischen Familien kümmern müssen. Wir haben sie vernachlässigt, indem wir ihr existenzielles Dilemma und ihr Bedürfnis, sich unserer Gesellschaft zugehörig zu fühlen, ignoriert haben, oft einfach bis zur Entfremdung und Verzweiflung. Die daraus resultierende Tendenz, sich kriminellen Gangs oder radikalen Bewegungen anzuschließen, die ihnen Sinn, Struktur und Ausrichtung in ihrem Leben geben, hat uns erst vor kurzem aufhorchen lassen.

Diese Tatsache hat nun zweierlei Dinge zur Folge:

Erstens hat es rechtsextremen Bewegungen Gelegenheit geboten, sich in der politischen Szene sowie auf den Straßen breit zu machen. Diese Bewegungen, ob Gruppierungen oder Gangs, sind in ihrer Philosophie und ihrem Verhalten alle aggressiv und gewalttätig, obwohl sie behaupten, sie würden aus Liebe zu ihrer Heimat handeln (aus historischer Sicht haben rechtsextreme Bewegungen die Tendenz, nationalistische Abstraktionen leidenschaftlicher zu lieben als ihre Nächsten).

Zweitens hat es zehntausende besonnener, mündiger und verantwortungsvoller Bürger bewegt, mit vielen unterschiedlichen empathischen, menschlichen und intelligenten Initiativen unser ethisches und moralisches Kapital sowie unsere fundamentalen christlichen Tugenden wie Güte, Empathie, Großzügigkeit und Freundschaft zu schützen.  Kurz gesagt hat diese negative Atmosphäre zur Folge, dass Tausende europäische Kinder, die von den aggressiven und rassistischen Werten ihrer Eltern und der Netzwerke ihrer Erwachsenen geprägt sind, in unsere pädagogischen Einrichtungen eintreten werden. Gleichzeitig werden viele Kinder aus Flüchtlingsfamilien die gleichen Einrichtungen besuchen und diese werden von den Gräueln, die sie in ihrem Herkunftsland erlebt haben, psychologisch, seelisch und existenziell gezeichnet sein, aber auch von einer neuen Angst, und zwar ausgeschlossen und isoliert zu werden, eine Angst, die das Lebensgefühl ihrer Eltern und auch ihr eigenes bestimmen.

Die Etymologie der Aggression

Diese Situation wird unvermeidlich einen Anstieg aggressiven und gewalttätigen Verhaltens zwischen Kindern und Jugendlichen, und sogar von Kindern und Jugendlichen ihren Lehrern gegenüber haben. Der psychosoziale Ursprung dieser Aggression ist die Angst, seinen Besitz, seine Werte und sein Revier zu verlieren; die Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und Isolierung; unerkannter Schmerz aus traumatischen Ursachen, der nachweislich zu PTBS führt, sogar bei sehr jungen Kindern. Die kurze Fassung hiervon, die ich im Folgenden weiter ausführen werde, ist, dass beide Gruppen Kinder entweder einen imaginären Werteverlust erleben werden, der mit ihren übernommenen Werten und Besitz in Verbindung steht (heimische Kinder) oder einen sehr realen Verlust des Gefühls, für die Gesellschaft wertvoll zu sein (geflüchtete Kinder).

Wie ich es ausführlich in meinem Buch über Aggression erklärt habe (Jesper Juul - «Aggression, warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist») bildet dieser imaginäre oder reelle Verlust ihres Wertes als menschliche Wesen an sich die die Wurzel der Aggression. Wenn mit dieser gesunden emotionalen Reaktion nicht angemessen von Seiten der Eltern, Lehrer, Therapeuten, Ärzte und Ordnungskräfte umgegangen wird und wenn sie durch Politiker und den Gesetzgeber nicht gewürdigt wird, wird sie sich immer in Gewalt verwandeln. Wenn Menschen nicht gehört werden, haben sie die Tendenz die «Lautstärke» aufzudrehen. Diese Gewalt kann entweder schädigende Gewalt sein, die andere Menschen verletzt oder ihren Besitz beschädigt, oder sie kann von der introvertierten Sorte sein, die in eine Reihe von selbstzerstörerischen Verhalten resultiert.

Destruktive Aggression wurzelt in der Erfahrung des Einzelnen, nicht gesehen und nicht gehört zu werden. Dadurch kommen der Sinn von Zugehörigkeit und das Gefühl, für andere wertvoll zu sein, abhanden. Das daraus resultierende aggressive oder gewaltsame Verhalten kann entweder kurzfristig und mit einer spezifischen Person verbunden sein, oder es kann langfristig sein und sich auf eine andere Person, Gruppe oder soziale Einheit beziehen. Diese Ursache ist kulturübergreifend und nicht auf ein bestimmtes Geschlecht oder Alter bezogen.

Europäische Kinder

Die Kinder verängstigter und aggressiver europäischer Eltern werden eine Minderheit in unseren Einrichtungen sein, in denen Lehrer versuchen werden, ihnen bessere Wege aufzuzeigen. Unsere bisherige Erfahrung zeigt, dass diese Versuche meist zum Scheitern verurteilt sind und dies aus zweierlei Gründen: entweder werden sie durch die Eltern vereitelt, die nicht in der Lage sind, die Verbindung zwischen ihrer eigenen aggressiven Philosophie und dem verbalen Gebaren und gewalttätigen Verhalten ihrer Kinder gegenüber anderen (weißen) Kindern zu erkennen. Oder sie werden dazu neigen, ihr Verhalten gegenüber (dunkelhäutigen) Kindern zu verteidigen. In beiden Fällen werden die Kinder verwirrt sein und die Tendenz haben, sich loyal gegenüber ihren Eltern und deren Werten zu verhalten. Dies wird ihnen ein Gefühl und eine Erfahrung der Ausgrenzung und der Abwertung durch die Institutionen der Gemeinschaft geben, welche ihr aggressives Verhalten steigern und gleichzeitig auch ihre Sichtweisen bestätigen wird. Sie werden sich wie selbstgerechte Außenseiter fühlen.
Flüchtlingskinder

Flüchtlingskinder werden sich hauptsächlich in zwei Gruppen aufteilen, auch wenn sie in ähnlichen Lebensverhältnissen leben. Gewöhnlich werden sie Eltern haben, die sie stark unterstützen und denen viel daran liegt, dass ihre Kinder sich integrieren. Auch haben Eltern die Tendenz, ihr eigenes Wohlbefinden und sozialen Erfolg zugunsten des zukünftigen sozialen Erfolgs ihrer Kinder zu opfern. Beide Phänomene – die starke Unterstützung und das Opfer – legen eine schwere Bürde auf die Schultern ihrer Kinder. Diese werden sich verpflichtet fühlen, eine Gegenleistung zu bringen und sich für das Wohlbefinden der ganzen Familie verantwortlich fühlen, was auch einen starken Wunsch beinhaltet, erfolgreich zu sein und ihre Eltern stolz und glücklich zu machen. Falls und wenn sie unter dieser Last zusammenbrechen, dann erwartet sie ein emotionales und existenzielles Desaster ohne jegliches Gefühl für Werte, weder für ihre Lieben noch für die Gesellschaft. Hierdurch werden die Weichen für eine mögliche Radikalisierung gestellt.

Egal wie freundlich, offen und einladend die Lehrer sind, so haben diese Kinder bereits jetzt das Gefühl, aufgrund der herrschenden feindseligen politischen Haltung, die «in der Luft» liegt und die durch ihre Eltern und ihr Netzwerk intensiv wahrgenommen und verstanden wird, der neuen Gesellschaft nicht anzugehören. Das Zusammentreffen mit freundlichen und um Inklusion bemühten Lehrern, neuen Freunden und deren Eltern und Geschwister wird für sie extrem wertvoll sein und den Kindergarten und die Schule zu einem sicheren Hafen für sie machen. Es wird ihnen jedoch nicht helfen, mit ihrem emotionalen und existenziellen Schmerz fertig zu werden.

Manche werden Eltern haben, die stark, kompetent und offen genug sind, ihnen zu helfen, jedoch braucht der Großteil von ihnen emotionale Unterstützung (wie auch ihre Eltern Unterstützung brauchen). Eine der Auswirkungen unserer Feindseligkeit gegenüber Geflüchteten ist, dass wir uns weigern, ihnen die Hilfe zu geben, die sie benötigen. In manchen Ländern wird ihnen sogar die grundlegendste medizinische Versorgung verwehrt, bis sie Asyl bekommen, ein, zwei oder drei Jahre nach ihrer Ankunft. Angemessene psychologische, psychiatrische und psychotherapeutische Betreuung steht ihnen nicht zur Verfügung. Die entscheidendste und gefährlichste Auswirkung dieser Ausgrenzung ist, dass ihr Trauma weniger zugänglich wird und dadurch belastender für ihre psychologische Entwicklung und ihre Fähigkeit, sich zu integrieren – auch wenn der Wunsch, sich anzupassen noch stark ist.

Wie können wir damit umgehen?

Es gibt viele Dinge, die Sie tun können. Manche hängen vom Alter der Kinder ab, andere sind altersunabhängig. Das Motto sollte sein:

Wenn das Gewöhnliche außergewöhnlich wird.

Das ist die Essenz von dem, was wir vor vielen Jahren gelernt haben, als wir während und nach dem Balkankrieg in Flüchtlingslagern in Kroatien, Bosnien, Österreich und Slowenien mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet haben, und auch als wir damals in einigen dänischen Kindergärten mit Flüchtlingskindern arbeiteten. Dieses Motto bezieht sich auf die Tatsache, dass verwundbare Kinder wie alle anderen Kinder den Wunsch haben, gesehen und anerkannt zu werden so wie sie sind, ohne Referenz zu einer spezifischen, gegenwärtig dominanten kulturellen Idee, die von Eltern und Erziehern festgelegt ist. Genauso wie sie das Bedürfnis haben zu spielen, Freundschaften zu schließen, zu lernen und Kompetenzen zu entwickeln, körperlich berührt und umarmt zu werden und die Freiheit zu bekommen, Kontakt zu anderen zu suchen und sich aus dem Kontakt wieder zurückziehen zu dürfen, je nach eigenem Rhythmus.  Verwundbare Kinder – ob geflüchtet oder heimisch – brauchen all dies und sie brauchen mehr davon als ihre zufriedeneren und ausgeglicheneren Freunde. Darüber hinaus brauchen einige von ihnen, aus beiden Gruppen, eine höher spezialisierte und individualisierte Aufmerksamkeit in Zusammenarbeit mit Spezialisten und ihren Eltern und Geschwistern. Diese Tatsache sollte aber niemals die gewöhnlichen Eigenschaften ihrer Einrichtungen und ihrer Familien ersetzen, und lediglich im Fall von institutionalisierter oder elterlicher Vernachlässigung sollten diese Kinder aus diesen entfernt werden. Für alle verwundbaren Kinder ist es unerlässlich, dass die ganze Familie Unterstützung und Therapie bekommt, und dies aus den zwei folgenden Gründen:

Es wird die Erfahrung des Kindes, falsch, schwierig, ungezogen, lästig und unerwünscht zu sein in den Augen seiner wichtigsten Erwachsenen, schmälern.

Es wird die Eltern mit Know-how und Kompetenzen versorgen, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht besitzen, und ihnen das Gefühl geben, dass sie ausreichend gute und wertvolle Eltern sind. Andernfalls werden sie sich selbst als schlechte Eltern erleben, was in vielen Fällen zu häuslicher Gewalt führen wird. Es wird Vertrauen in ein System und in Berufe aufbauen, die für sie fremd und/oder beängstigend sind und die sie womöglich als Feinde ihrer Familie sehen.

Auch wenn beschlossen wird, ein Kind zu einem Physiotherapeuten, einem Logopäden, einem Ergotherapeuten oder irgendeiner anderen Art von Therapie zu überweisen, die eigentlich unter «Einzeltherapie» eingeordnet wird, so ist es sehr wichtig, die Eltern und am besten beide Eltern, miteinzubeziehen. Nicht nur aus den oben beschriebenen Gründen, aber auch um für alle Beteiligten klar zu machen, dass Eltern immer ein Teil der Lösung sein müssen – und dies wird nur gewährleistet, wenn die während der Therapie neu angeeigneten Fähigkeiten und Einsichten auch experimentell und nicht nur abstrakt angepasst werden können. Die Notwendigkeit dieser Vorgehensweise ist gleich, ob es sich um heimische oder geflüchtete Kinder handelt. In beiden Gruppen werden sie mit Eltern zu tun haben, die sich verhalten, als seien sie «nicht motiviert».

Falls dies geschieht, halten Sie sich vor Augen, dass alle Eltern sich unzulänglich fühlen, wenn ihr Kind die Aufmerksamkeit von Fachleuten auf sich zieht. Daher ist es Ihr Job, einen dynamischen Dialog zu initiieren und zu führen, der ihr Vertrauen in Sie schürt und der ihnen ein ausreichendes Gefühl von Sicherheit vermittelt, um mit Ihnen zusammenarbeiten zu können. Wenn Sie dies nicht tun, werden sie die Neigung haben, sich aus dem Kontakt zurückzuziehen und sich auf ihre eigenen unzureichenden Bewältigungsmechanismen zu verlassen. Sie werden außerdem auch sehr patriarchale Familien antreffen, bei denen Sie die Art, wie in der Familie Arbeit und Verantwortlichkeiten strukturiert werden, respektieren müssen. Versuche, ihre selbst gewählte Art des Zusammenlebens als Familie zu kritisieren und zu verändern wird diese Familien nicht nur entmutigen, sondern auch Spannungen auslösen, die zur zusätzlichen Belastung für die Kinder werden.

Was Ihre Einrichtung und Ihre Mitarbeiter brauchen

Sie müssen ihre geschichtlichen und gegenwärtigen Werte und Haltungen gegenüber aggressivem Verhalten überprüfen und die Elemente löschen, die kontraproduktiv sind.
Diese sind:

Die moralische Verurteilung dieses Verhaltens

Es gibt an der Meinung «wir wollen keine Gewalt» nichts auszusetzen, aber wenn diese Ihr vorrangiges und einziges Schutzwerk gegen Aggression ist, dann werden wahrscheinlich drei Dinge passieren:

Zum Ersten wird es das unerwünschte Verhalten nicht wirklich unterbinden – weder zwischen den Kindern, noch von Seiten der Mitarbeiter. Daher wird es zu einer dieser augenscheinlichen Werte, die hauptsächlich als dekoratives Alibi dastehen.

Zweitens führt es oft zu einer Reihe von sogenannten «Konsequenzen», welche lediglich eine moderne Bezeichnung für Bestrafung sind, und von ihrer eigenen Natur und Absicht immer aggressiv und daher kontraproduktiv sind, wenn es darum geht, eine gewaltfreie Kultur in einer Einrichtung zu gewährleisten.

Und drittens führt es zur allgemeinen Annahme bei den Kindern, dass alle aggressive Gedanken oder Gefühle verboten sind, was zur selbst- Unterdrückung führt. Wenn dies geschieht (wie zum Beispiel in Schweden im Laufe der zwei letzten Jahrzehnte), führen die unterdrückten Gefühle, die mangelnde Einsicht und die mangelhaften Kompetenzen im einzelnen Kind, mit ihnen umzugehen, zu verzögerten Wut- und Gewaltexplosionen bei Teenagern und jungen Erwachsenen – die sich momentan gegen Flüchtlingsunterkünfte und einzelne Flüchtlinge auf den Straßen richten. Das vorhersehbare Ergebnis von verurteilender Moral ist, dass sie genau die Art Verhalten schafft, die sie beabsichtigt zu unterbinden.

Eine professionelle Kultur, die Mitarbeitern erlaubt, Kinder zu erniedrigen und mit ihnen zu schimpfen, wann immer sie Dinge sagen oder tun, die die Erwachsenen unzumutbar finden.
Schimpfen ist eine traditionelle Form von erzieherischer Aggression und psychischer Gewalt, die, so haben eine ganze Reihe Studien gezeigt, Kinder als genauso harsch und schmerzlich empfinden wie physische Gewalt. Hinzu kommt, dass es eine kulturelle Zwickmühle ist, die zwei gegensätzliche Regelwerke für Kinder und Erwachsene aufstellt, was die Anzahl und die Intensität der Konflikte zwischen Kindern und daher die «Notwendigkeit» zu schimpfen erhöhen wird.

«Aggression des Kindes ist eine klare Botschaft, die besagt: 'Ich habe Schmerzen und fühle mich verloren'.»

Ein Kind, das regelmäßig mit physischer und/oder verbaler Aggression reagiert, wenn es frustriert oder im Konflikt mit anderen steht, ist keinesfalls ein unerzogenes Kind, das es «besser wissen sollte».  Die Aggression des Kindes ist eine klare Botschaft an die Erwachsenen, die besagt:

«Ich habe Schmerzen und ich fühle mich verloren. Ich weiß, dass das was ich tue falsch ist, also könntest du mir bitte helfen herauszufinden, was gerade in meinem Leben schief läuft. Ich liebe meine Eltern, ich mag meine Lehrer und ich möchte mit den anderen Kindern spielen, aber irgendwie schaffe ich es nicht.»

Diese Botschaft ähnelt sehr der aggressiver, schreiender und ohrfeigender Eltern, schimpfender und bestrafender Lehrer, und Ehemännern, die ihre Ehefrauen schlagen. Diese Tatsache rechtfertigt moralisch aggressives oder gewaltsames Verhalten keineswegs, noch macht sie sie gesellschaftsfähig, jedoch fordert sie die zuschauenden Fachleuten moralisch und ethisch dazu auf, diese Botschaft unbedingt zu verstehen und ihr Augenmerk auf ihre existenzielle Substanz zu richten, und nicht auf ihre Form. Es ist demzufolge völlig im Rahmen einer verantwortungsvollen professionellen Handlungsweise, die Hand des Kindes zu nehmen, sich mit ihm von der Szene des Vorfalls zu entfernen und zu sagen: «Ich kann sehen, dass du in Schwierigkeiten bist und ich würde dir gerne helfen wenn ich kann. Lass uns einen Spaziergang machen, rausgehen, in mein Büro gehen und herausfinden, was dir innen wehtut.» Nicht nur wird dadurch die Situation entschärft und dem Kind ein Gefühl der Sicherheit und des Angenommen-seins vermittelt, sondern es sendet auch den anderen Kindern eine starke Botschaft: «Wann immer du verzweifelt bist, werden wir dir helfen und wir werden gewalttätiges Verhalten nicht dulden.»

Auf diese Art und Weise wird der Lehrer zum Rollenvorbild anstelle eines aufgebrachten Prinzipienpredigers – ein Rollenvorbild, das dem Kind bereits vertraut ist – und kann dadurch verhindern, dass das Kind sich noch unzulänglicher, noch dümmer und noch isolierter fühlt, was seine Verzweiflung und seine Aggression nur noch steigern würde. Die übergreifende pädagogische Botschaft lautet demnach: Ich mag es nicht, wenn Menschen aggressiv sind und einander verletzen, aber wenn du keinen anderen Weg findest, «Aua!» zu sagen, dann helfe ich dir einen zu finden.

Aktivitäten und Routinen

Es besteht kein Zweifel daran, dass tägliche, wöchentliche und jahreszeitliche Rituale und Traditionen eine sehr wichtige Rolle dabei spielen, allen Kindern eine sichere Atmosphäre zu gewährleisten, und besonders auch verwundbaren Kindern, ob sie traumatisiert sind oder nur sozial gegenüber anderen Kindern am Rande stehen. Zusätzlich zu diesen Ritualen empfehle ich folgendes – ohne spezifische Rangordnung:

Philosophische Fenster

Es gibt eine Reihe guter Bücher darüber, wie man mit Kindern philosophieren kann, die
Fachleute mit Inhalten und Methoden versorgen. Der Wert dieser wöchentlichen Fenster (meine Empfehlung) ist, dass sie sowohl die Kinder als auch ihre Lehrer ermutigen, über wichtige Fragen und Themen des Lebens nachzudenken und zu reden, wie z.B.: Freundschaft; Schlüsselgefühle wie Liebe, Wut, Hass, Frustration; Familie; Krieg usw. in gleichberechtigter Gewichtung. Für Kinder ist es extrem wertvoll, nachdenken und sich ausdrücken zu dürfen (Kinder, die nicht gerne reden, können malen), aber auch für Lehrer ist es wertvoll, denn sie bekommen die seltene Gelegenheit über jenes, was sich in jedem einzelnen Kind innerlich abspielt, mehr zu erfahren und Entwicklungen eher zu begünstigen, als bloßen Stoff zu unterrichten.

Empathie-Training

Unser Buch über Empathie (Jesper Juul und weitere Autoren – «Miteinander – wie Empathie Kinder stark macht») bietet einen Katalog von 12 Übungen an, die frei von spezifischen Religionen und Ideologien sind. Diese können mit Kindergruppen gemacht werden und werden auf verschiedenen Ebenen fruchtbar sein:

Jedes einzelne Kind wird neue Wege erleben, seinen eigenen Körper und sein im-Hier-und-Jetzt-sein wahrzunehmen und so seine psychosoziale Entwicklung zu fördern.

Das Wachstum des Einzelnen wird einen positiven Einfluss auf das Zusammenspiel zwischen den Kindern haben und somit zu einer gesunden Kultur in der ganzen Einrichtung beitragen.

Die Lehrer werden ermutigt, die Übungen zusammen mit der Gruppe zu machen und werden dadurch ihre eigenen Fähigkeiten und ihren eigenen Wunsch, den Kindern mit Empathie und mit Mitgefühl zu begegnen, verbessern. Außerdem schaffen sie dadurch einen gemeinsamen Pool geteilter Erfahrung und Sprache, die die zwischenmenschlichen Beziehungen und Kultur aufwerten wird.

Achtsamkeitstraining

Achtsamkeit wurde vornehmlich aus therapeutischer Sicht entwickelt um mit akutem Stress- Syndrom umzugehen und hat sich dann zu einer erweiterten und wissenschaftlich gut dokumentierten Methode ausgeweitet, um das individuelle Bewusstsein des eigenen Geistes, des eigenen Körpers und der Umgebung, zu verbessern. Auf diese Weise ist es ein sehr geradliniges und wertvolles Bündel von Fertigkeiten und Einsichten, die das Wohlbefinden von Kindern in Einrichtungen fördert – Einrichtungen, in denen es Unmengen von Stressfaktoren gibt und eine Nichtverfügbarkeit von Alleinsein-Können, Stille und nach innen gerichteter Achtsamkeit.

Manche Fachleute befürchten, dass dieses Training gefährlich für verwundbare und Not leidende Kinder sein wird, doch diese Angst rührt aus einer veralteten Art zu denken, die es vorzog, menschliche Emotionen zu deckeln, und der es an Einsichten und Kompetenzen mangelte, den Einzelnen und seiner Umgebung gesunde Wege aufzuzeigen, um mit Emotionen umzugehen und sie mitzuteilen.

Basierend auf unseren Erfahrungen mit traumatisierten Kindern, wissen wir heute, dass es für ihr Wohlbefinden und für eine positive Prognose ihres Zustandes sehr wertvoll ist, wenn es ihnen erlaubt wird, ihre Gefühle zu fühlen, mitzuteilen und sich mit ihnen anzufreunden. Die Tatsache, dass es bei manchen der sehr grausamen und furchtbaren Erfahrungen fachkundiger psychotherapeutischer Hilfe bedarf, widerspricht nicht dem Bedürfnis dieser Kinder, ein starkes Bewusstsein ihrer emotionalen Reaktionen zu entwickeln und zu lernen, wie sie mit ihnen in einem sozialen Kontext umgehen können.

«Sie müssen fast alles, was Ihnen als Fachleute über Aggression beigebracht wurde, beiseite legen und Ihre Herzen diesen Not leidenden Kindern öffnen.»

Diese einfache Botschaft legt einen verbindlichen und freundlichen Ton fest, sie bestimmt die gewünschte Kultur und deren Grenzen innerhalb der Einrichtung und teilt die Kinder nicht in gute und böse Menschen auf. Der Ausdruck: du bist hier, um zu lernen und ich bin hier, um dir beim Lernen zu helfen – ist eine andere Art, die Botschaft zu übersetzen. Des Weiteren wird es gewinnbringend sein, die allgemeine Bereitschaft zu vermitteln, alle menschlichen Gefühle anerkennen, sie benennen und über sie sprechen zu wollen. Kinder aus beiden der oben genannten Gruppen werden in dieser Atmosphäre aufblühen und Kindern, die spezifischere Hilfe und Führung bedürfen, wird das Annehmen dieser Hilfe erleichtert.

Anders formuliert müssen Sie und Ihre Kollegen fast alles, was Ihnen als Fachleute über Aggression und wie man mit ihr umgeht beigebracht wurde, beiseite legen und Ihre Herzen diesen Not leidenden Kindern öffnen. Wenn meine Worte Ihnen nicht Grund genug geben, dies zu tun, so ermutige ich Sie, einen ehrlichen Blick auf die pädagogische Praxis und auf die pädagogische Grundhaltung der letzten 30 Jahren zu werfen und sich mit der Tatsache abzufinden, dass diese nicht zufriedenstellend funktioniert haben – weder für individuelle Kinder und ihre Eltern, noch für die pädagogischen Einrichtungen oder für das, was auf den Straßen in der Nacht passiert. Es ist in jeder Einrichtung möglich, Regeln festzulegen, die gewisse Verhaltensmuster unterbinden, aber für jene Kinder, die in der Lage sind, diese Regeln zu befolgen, haben sie nur einen begrenzten Wert. Jene Kinder aber, die es manchmal unmöglich finden, sie zu befolgen, ziehen keinen Nutzen aus ihnen und auch nicht aus den Konsequenzen, die sie erleiden, wenn sie sie brechen.
Einführung von Fachleuten

Es ist wertvoll für alle Kinder, und ganz besonders für die verwundbaren Kinder, wenn Sie Fachleute wie Psychologen, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten, Kinder- Neuropsychologen und -psychiater und andere einschlägige Experten in Ihre Einrichtung einladen. Die Aufgabe dieser Menschen ist es, ihre Arbeit den Kindern direkt vorzustellen, sie aufzufordern, ihre Fragen zu stellen und sie einzuladen, am Gespräch teilzunehmen, und ihnen sehr offen und aufrichtig zu erklären, was sie für die Kinder tun können. Dies wird dazu beitragen, ihre verschiedenen Berufe zu entmystifizieren, und es wird die Akzeptanzgrenze unter den Kindern anheben und Hänseln und Drangsalierungen vorbeugen.

Ich bin mir vollkommen bewusst darüber, dass diese Vorschläge mit grösserer Wahrscheinlichkeit von Kindergärten als von Schulen umgesetzt werden. Dennoch ist es wichtig zu betonen, dass viele der traditionellen Aktivitäten wie Malen, Zeichnen, Spielen, Schauspielern, Märchen und Geschichten lesen usw. sehr wertvoll für verwundbare und traumatisierte Kinder sind. Nicht nur wegen ihrer vertrauten Qualitäten, sondern auch, weil sie eine Erfahrung von Normalität vermitteln, die für ihre psychosoziale Entwicklung essenziell ist.

Die Richtlinien, um die bereits bestehende Kultur zu stärken oder eine neue zu erschaffen, sind: Inklusion, Empathie und Freundschaft. Viele Wissenschaftler haben die traurige Tatsache bestätigt, dass Kinder, die diese Qualitäten am dringendsten von Fachkräften brauchen, meist am wenigsten davon bekommen. Lassen Sie sich von verwundbaren und traumatisierten Kindern nicht erschrecken. Machen es Sie zur Gewohnheit, ihr Verhalten als Einladung an Sie und Ihren vielen menschlichen und professionellen Qualitäten zu verstehen.

© Jesper Juul, Familylab International.




Terrorismus
Die Falle ist gestellt

In Nizza und Würzburg ist eine neue Form des Terrors sichtbar geworden: Jeder kann Opfer werden. Und jeder Täter.

Von Herfried Münkler
25. Juli 2016 DIE ZEIT Nr. 31/2016, 21. Juli 2016

Es wird darüber diskutiert, ob der Mann, der auf der Strandpromenade von Nizza mit einem gemieteten Lastwagen 84 Menschen tötete, tatsächlich ein "Soldat des IS" gewesen sei oder doch nur ein psychisch schwer gestörter Amokläufer – als ob das eine das andere ausschlösse. Die Herausforderung durch die jüngsten Formen des Terrorismus besteht gerade darin, dass er ohne Weiteres beides gleichzeitig gewesen sein kann und das eine das andere unterstützt und befördert hat. Wenn das zutrifft – und es spricht vieles dafür –, dann haben wir es nicht nur mit einem neuen Typ von Terrorist zu tun, sondern auch mit einer neuen Form der terroristischen Bedrohung. Darüber muss man gründlicher nachdenken, als das bislang der Fall war.

Der klassische Terrorismus, der in seiner sozialrevolutionären wie nationalseparatistischen Variante bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, war durch zwei Imperative charakterisiert: Er zielte mit seinen Gewaltakten auf herausgehobene Personen der politischen Klasse und der gesellschaftlichen Elite, und er konzipierte seine Anschläge gegen sie als Botschaft an einen "zu interessierenden Dritten", der durch den in der Elite verbreiteten Schrecken zu Widerstand und Aufruhr motiviert werden sollte. Bombenanschläge und Attentate sollten in der klassischen Strategie des Terrorismus als Initialzündung für eine tief greifende Umwälzung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung dienen. Eine solche Strategie hatte Folgen für die Auswahl der taktischen Ziele: Die Gewalt musste gezielt gegen die Repräsentanten des Systems gerichtet werden, und aus den Reihen des "zu interessierenden Dritten", ethnischer Minderheiten oder sozialer Klassen, durfte keiner zu Schaden kommen. Die Konsequenz war, dass die Terrorgruppen ihre Ziele genau auswählen und die Durchführung der Anschläge präzise planen mussten. Derlei wurde in den Führungszirkeln der terroristischen Organisationen beraten und entschieden, bevor die Anweisung an die mit dem Vollzug des Anschlags beauftragte Gruppe erteilt wurde.


Unter diesen Umständen war klar, wie die Terrorabwehr zu funktionieren hatte: Man musste die potenziellen Ziele der Terroristen schützen, um den Anschlag entweder zu verhindern oder seine Durchführung so kompliziert und aufwendig zu machen, dass Polizei und Geheimdienst von seiner Vorbereitung erfuhren und die Terrorgruppe zerschlagen konnten. Das war die taktische Direktive für Polizei und Geheimdienste, während die Strategie der Terrorismusabwehr sich um die Aufgabe drehte, den "zu interessierenden Dritten" davon abzuhalten, sich in die von den terroristischen Gruppen vorgegebene Richtung zu bewegen. An dieser politischen Vorgabe sind viele Terrorbekämpfer gescheitert, da ihre Repressionsmaßnahmen häufig nicht nur die Terrorgruppen selbst und das engere Umfeld ihrer Unterstützer, sondern auch den "zu interessierenden Dritten" trafen. So kam es vor, dass das, was als Terrorbekämpfung in die Wege geleitet wurde, mehr als die Anschläge selbst dazu beitrug, die Anschläge in einen Aufstand oder einen Partisanenkrieg münden zu lassen. Dies war bei nationalseparatistischen Gruppen sehr viel häufiger der Fall als bei sozialrevolutionären.

Autoritäre Regime tun sich leichter mit dem Terror als demokratische Gesellschaften

Das terroristische Erfolgsrezept lautete: Präzise gezielte und wohldosierte Gewalt provozierte eine massive Repressionskampagne des Staates, und die erst schuf die Voraussetzungen dafür, dass sich viele aus den Reihen des "zu interessierenden Dritten" mit den Zielen der Terroristen identifizierten und diesem anschlossen. Terrorismus ist eine Strategie, die über den Mechanismus der Reaktionsprovokation funktioniert. Terroristen sind Fallensteller, und der Staat geht umso häufiger in die gestellte Falle, je schneller er sich provozieren lässt und "blindwütig" reagiert. Die Terrorbekämpfer sind gut beraten, wenn sie sich mit Gegenmaßnahmen Zeit lassen, die Struktur des Angriffs genau analysieren und mögliche Effekte des Gegenhandelns sorgfältig bedenken. Das ist nicht immer leicht, denn eine durch die Anschläge in Angst und Schrecken versetzte Bevölkerung erwartet schnelle Gegenmaßnahmen, und die Berichterstattung der Medien ist ein Beschleuniger dieser Erwartung. Offene Gesellschaften sind durch terroristische Angriffe deswegen sehr viel verwundbarer als autoritäre Systeme, in denen die Medien unter Kontrolle sind und die Bevölkerung nichts zu sagen hat.

Das zeigt sich auch an der nach Anschlägen zu hörenden Formel, man befinde sich im Krieg. In offenen Gesellschaften sind das zumeist nur starke Worte, die bevorzugt von schwachen Politikern gebraucht werden, wenn sie Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit demonstrieren wollen. In autoritären Regimen behalten die Machthaber die Kontrolle über die Begriffe: Sie können mit Gruppen, denen sie eben noch den Krieg erklärt haben, wenn sie nur wollen, morgen auch wieder Frieden schließen. In offenen Gesellschaften gibt es hingegen eine Eigendynamik der Kriegssemantik, und die führt unter anderem zur Erwartung des eigenen Sieges und der endgültigen Niederlage des Angreifers. Da der aber mit genuin militärischen Mitteln so gut wie nicht zu fassen ist, muss man einen wirklichen Krieg führen, um den Erwartungen zu genügen – und ist damit womöglich schon in die Falle getappt, die seitens der Terroristen gestellt wurde. Man muss sorgfältig prüfen, ob man terroristische Angriffe nach dem Kriegs- oder nach dem Kriminalitätsparadigma angeht und welche Folgen damit jeweils verbunden sind.

Nun zeichnen sich die jüngsten Anschläge terroristischer Akteure dadurch aus, dass sie nicht mehr gegen bestimmte Politiker oder Angehörige der gesellschaftlichen Elite gerichtet sind, sondern ihnen buchstäblich jeder und jede zum Opfer fallen kann. Konnte man bei dem Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo noch meinen, bestimmte Texte und Karikaturen hätten den Anschlag provoziert und es gebe insofern eine Verbindung zwischen Tätern und Opfern, so war dies bei den Anschlägen auf den Musikclub Bataclan und die Besucher von Cafés und Restaurants im November 2015 in Paris schon nicht mehr der Fall, ebenso wenig bei den Bombenanschlägen auf den Brüsseler Flughafen und eine U-Bahn-Station und schon gar nicht bei dem jüngsten Massaker auf der Strandpromenade von Nizza. Hier ging es nur darum, möglichst viele Menschen zu töten, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen und so allgemein Angst und Schrecken zu verbreiten. Es gibt in den großen europäischen Städten im Prinzip niemanden mehr, der nicht Opfer terroristischer Angriffe werden könnte. Das unterscheidet den neuen grundsätzlich vom herkömmlichen Terrorismus, und es hat Folgen, die sorgfältig bedacht werden müssen.

Hat der IS einen strategischen Plan, der mehr ist als wahlloses Töten?

Offenbar gibt es für den islamistischen Dschihadismus in Westeuropa keinen "als interessiert unterstellten Dritten" mehr, an den man die Anschläge im Sinne einer Unterstützung und Aufmunterung adressiert und der darum von der Gewalt möglichst nicht betroffen werden soll. Der Wegfall dieses Dritten als gewaltlimitierendes Element der strategischen Planung hat Anschläge sehr viel einfacher und leichter gemacht. Es bedarf keiner aufwendigen Ausspähung von Zielen mehr, im Fall von Nizza nicht einmal mehr der Verfügung über Sprengstoff oder Schnellfeuergewehre, sondern nur einer ebenso todesbereiten wie tötungswütigen Person, und ansonsten genügt der Zugriff auf die Infrastruktur unserer Gesellschaften, um darin die tödlichen Waffen zu finden – im Fall von Nizza einen Kühltransporter. Dementsprechend gering ist die Chance für Polizei und Geheimdienst, durch bei der Vorbereitung von Anschlägen entstandene Spuren auf potenzielle Täter aufmerksam zu werden und Angriffe zu verhindern.

Vor allem aber hat sich durch diese strategische Neudisposition auch das Profil der terroristischen Akteure verändert. Pointiert formuliert: Bedurfte es für die Durchführung von Anschlägen früher besonders harter, ideologisch gefestigter, psychisch stabiler Typen, um den Weg von den anfänglichen Plänen bis zum Attentat zu gehen, so ist jetzt augenscheinlich der genau gegenteilige Typ gefragt. Nach allem, was wir über die Attentäter von Paris, Brüssel und Nizza wissen, waren es gerade keine strengen Islamisten, sondern muslimische Kleinkriminelle, durchaus polizeibekannt, aber politisch-ideologisch unauffällig, die aus unterschiedlichen Gründen in eine Lebenskrise geraten waren, für die Selbstmord zu einer Option der Krisenbewältigung wurde, die dies aber nicht still und heimlich und mit sich allein ausmachen, sondern ihr "verpfuschtes" Leben mit einem Akt der Bedeutsamkeit beenden wollten, der ihnen als die große, rettende Sinninvestition vorkam. Die Möglichkeit zu dieser Sinnstiftung bietet die Terrororganisation "Islamischer Staat", die ihr Label für Selbstmörder und Amokläufer zur Verfügung stellt. Durch diesen "Franchise-Terrorismus" hat der IS eine Stärke und Bedeutsamkeit erlangt, die ihm aus eigener Kraft nicht zukäme. Er erscheint allgegenwärtig und ist zu einer Obsession der westlichen Gesellschaften geworden, in denen noch vor wenigen Jahren kaum jemand von seiner Existenz gewusst hat.

Aber hat der IS auch einen strategischen Plan, der mehr ist als die wahllose Verbreitung von Angst und Schrecken? Das ist unter den Bedingungen eines Franchise-Systems schwer herauszubekommen, da jeder, der todeswillig und tötungswütig ist, sich nach eigener Präferenz und Gelegenheit Ziele und Opfer aussuchen kann. Unter diesen Umständen greift die Strategie terroristischer Reaktionsprovokation, was heißt, dass die Pointe der Anschläge nicht in den Plänen und Absichten der Angreifer, sondern in der Reaktion der angegriffenen Gesellschaften beziehungsweise Staaten liegt. Was durch die Anschläge provoziert werden soll, ist – vermutlich – die in Reaktion auf solche Untaten vollzogene De-facto-Feinderklärung des Westens gegen alle Muslime, insbesondere gegen die, die in den westlichen Gesellschaften leben. Ist sie erst einmal erfolgt, kann der IS auf Millionen von Unterstützern rechnen, und er wäre damit seinem Ziel einer großen und umfassenden Konfrontation zwischen Islam und Westen einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Es gibt ihn also auch in den neuen Formen des Terrorismus, den "als interessiert unterstellten Dritten". Aber er wird nicht mehr direkt adressiert, sondern soll durch die Reaktion der Angegriffenen erst geschaffen werden. Es bedarf einer klugen, langfristig angelegten und für alle nachvollziehbaren Gegenstrategie, um nicht in diese Falle hineinzutappen.



Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber. (B.B.)

Solange habt ihr euch hinter der Floskel, „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen, deswegen ist man doch noch längst kein Nazi!“, versteckt, bis ihr angefangen habt, es selbst zu glauben. Nun wird es wohl, daran will ich nicht zweifeln, nicht mehr lange dauern, bis ihr eure Unterstände verlassen werdet, um euch offen als Nazis zu erkennen zu geben.

„Merkt euch dieses Datum, es markiert einen Paradigmenwechsel!“ – So habt ihr triumphiert, auf eurer Wahlparty, in München, am Sonntag. Ihr betrachtet die Wahlergebnisse in den drei Bundesländern als Paradigmenwechsel, weil ihr glaubt, durch sie sei das Ende der „Spät-68er“ eingeleitet worden.

Als ich davon hörte, war ich, offen gestanden, überrascht. – Es zeigt nämlich, wie jämmerlich ihr doch seid! Mir war nicht bewusst, wie sehr ihr unter dem anderen Modell von Gesellschaft, das wir, die Spät-68er, vertreten, gelitten habt. Mir waren eure Inferioritätsgefühle nicht klar! Erahnbar vielleicht, ja, wenn ihr eure Witze über Ausländer, Schwule, Lesben, Minderheiten und alles euch Fremde zum Besten gabt.

Jahrelang konntet ihr euch für Werbeslogans wie „Geiz ist geil!“ oder „Ich bin doch nicht blöd!“ begeistern. Man hat euch so lange damit beschallt, bis ihr angefangen habt, sie als bare Münze zu nehmen. Ihr habt sie quasi zu Maximen eurer armseligen Lebenswege gemacht und Sätze wie „Liebe deinen Nächsten!“ komplett verdrängt. Es wäre schon erstaunlich gewesen, wenn gerade ihr euch den Flüchtlingen und Hilfsbedürftigen geöffnet hättet. Stattdessen wird, wer dafür eintritt, von euch als „Gutmensch“ beschimpft.

Jemand kam wohl auf die Idee, eure Maxime zu einem Parteiprogramm zu verarbeiten und euch weiß zu machen, ihr wäret das Volk. Weil ihr viele seid, glaubt ihr das. In Wirklichkeit verarscht man euch nur. Ihr seid nicht „das Volk“, nur eine nützliche Masse! – Wohin man euch führen wird, werdet ihr schon noch merken, spätestens dann, wenn ihr selbst zu Flüchtlingen geworden seid.
Ihr behauptet, ihr wäret die Verteidiger der europäischen Zivilisation. Ich sage euch, ihr seid die größte Bedrohung dieser Zivilisation, weil ihr weder für Menschenrechte, noch für Menschlichkeit und schon gar nicht für humanistische Grundsätze eintretet. Euer Patriotismus ist nichts anderes als Chauvinismus.
Wie dumm ihr seid, kann man leicht anhand eurer sprachlichen Fähigkeiten ermessen. Man braucht nur eure unten stehenden „Kommentare“ zu lesen. Persönliche Beleidigungen, Hass, Hetze gegen Minderheiten und Rassismus sind eure Erkennungsmerkmale. Und wenn ihr Flüchtlinge als kriminelle Gewalttäter diffamiert, denke ich an brennende Asylunterkünfte, an eure sexistischen Wahlplakate und an eure enthemmte Gewaltbereitschaft.

Ihr wittert Morgenluft und glaubt euch im politischen Aufwind. Es war schon immer der Fehler der Nazis, zu denken, Millionen von Fliegen könnten nicht irren, wenn sich alle an derselben Scheiße delektieren. – Ihr irrt genauso wie sie! –

Wir werden nicht zulassen, dass ihr die Uhr zurück dreht!


(Heinz Michael Vilsmeier, 15.03.2016)



Liebe Freunde,
Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bleibt nach der faktisch vollständigen Schließung der sogenannten Balkanroute für Flüchtlinge hart. "Das Schließen der Balkanroute verläuft planmäßig, und diese Uhr wird nicht zurückgedreht", sagte sie der Zeitung "Welt". Zugleich lobte sie das abgestimmte Vorgehen der Innenbehörden der Länder entlang der Route. "Diese Allianz der Vernunft hat bisher den entscheidenden Beitrag dazu geleistet, Stabilität und Ordnung für die Menschen in Europa zu wahren.“
Haben Sie die Bilder der Not gesehen, Frau Mikl-Leitner, oder sehen Sie einfach weg? Haben Sie gesehen wie Idomeni im Schlamm versinkt? Unter katastrophalen hygienischen Zuständen leiden, darben und verrecken Menschen, die Sie mit auf dem Gewissen haben, Frau Mikl-Leitner.
Die Allianz der Vernunft nennen Sie das? Es ist die Allianz des arroganten Terrors einer behäbigen, satten und ängstlichen, ja feigen Gesellschaft, die Sie zu bewahren suchen.
Wir haben am Heldenplatz mit 160 000 ÖsterreicherInnen die Willkommenskultur gefeiert. Was für eine empathische Nacht.
Ist diese „Allianz der Vernunft“ nun die perverse Antwort auf dieses Fest der Menschlichkeit?
Wer bezahlt Sie, Frau Mikl-Leitner, für Ihr populistisches und restlos unvernünftiges und unrealistisches Handeln?
Wie, glauben Sie, wird eines Tages die Geschichte über Sie richten?
Warum fahren Sie nicht mal selbst in eines dieser Lager und sehen sich das Elend an, anstatt dumm von einer „Allianz der Vernunft“ zu schwätzen. Der Anblick könnte Ihr Leben verändern, Frau Mikl-Leitner.
Erich Fenninger von der Volkshilfe Österreich schreibt: „Das Schließen der Grenzen ohne Begleitmaßnahmen hat eine Humanitäre Katastrophe produziert. Eine empathielose Politik, die sich ausschließlich an empathiebefreite Menschen richtet.“
Und Alexis Tsipras sagt:“Als Mitglied der Führung Europas schäme ich mich. Im Ägäischen Meer werden nicht nur tote Kinder, sondern die gesamte Zivilisation Europas angespült.“
Irgendein Rassist von der AfD soll gesagt haben „wir dürfen uns von weinenden Kindern nicht erpressen lassen.“
Wissen Sie wer sich nicht von weinenden Kindern erpressen läßt, Frau Mikl-Leitner?
Ausschließlich schwer geschädigte Psychopathen.

(Konstantin Wecker, März 2016)




Hinter den Geretteten nicht verstecken
Eine Kolumne von Mely Kiyak
27. Januar 2016

Warum wird die Obergrenze für Tote nicht diskutiert? Die Debatte um Flüchtlingszahlen macht deutlich: Man hat sich entschlossen, Grenzen zu schützen und nicht Menschen.

Selten wurden in der politischen Öffentlichkeit Wahrheiten so verschleiert wie in diesen Formulierungen: Außengrenzen schützen. Oder: Grenzen schließen. Oder diese Variante: Flüchtlingszahlen reduzieren.

Was wir im medialen Diskurs tagtäglich in der Frage der Flüchtlinge erörtern, ist eine technische Umschreibung, um nicht jene Worte in den Mund zu nehmen, die wir eigentlich verwenden müssten. Unsere Sprache ist sehr präzise. Wir reduzieren nicht die Flüchtlingszahlen, sondern wir weisen Menschen ab, die auf der Flucht sind. Wir schützen nicht die Außengrenzen, wenn wir in Bulgarien oder anderswo an der Peripherie der Europäischen Union Maschendrahtanlagen bauen, sondern wir weisen Menschen ab, die auf der Flucht sind. Wir schauen nicht zu, wie innerhalb Europas nationale Grenzen geschlossen werden, sondern wir weisen Menschen ab, die auf der Flucht sind.

60 Millionen Menschen weltweit sind auf der Flucht. Die überwältigende Mehrheit dieser Menschen hat weder die finanzielle, mobile oder anderweitig logistische Möglichkeit vor Krieg, Hunger und Elend nach Europa zu gelangen. Die meisten schaffen es nur in die Nachbarprovinz oder allenfalls in das Nachbarland. Kaum einer kann den Kontinent verlassen. In großen Lagern, die übrigens genauso funktionieren, wie es klingt, also in menschlichen Auffanglagern, die wie Gefängnisse funktionieren, geht jeder Staat oder jede Organisation mit diesen Geflohenen um, wie es ihm beliebt.
Egal ob in einem UN Flüchtlingslager in Afrika oder im Libanon. Die Menschen werden ausgezogen, durchsucht, man nimmt ihnen die Pässe ab oder ihr Geld, sie werden zu rechtlosem Menschenmaterial degradiert und notdürftig versorgt. So, dass sie gerade eben nicht sterben. Unsere Regierungen haben sich entschlossen, nicht in diese Lager zu investieren. Wenn sich also Menschen aus Auffanglagern dieser Welt auf den Weg machen, dann tun sie das, weil wir die Welthungerhilfe nicht mit genügend Geld ausstatten. Oder präziser ausgedrückt: Wir, die Geberländer, sind verantwortlich für das Darben der Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern.

Lediglich fünf Millionen Fliehende, so die großzügigste Schätzung, halten sich derzeit in Europa auf. Manche fliehen als Europäer innerhalb Europas. Denn auch in Europa gibt es Länder auf dem Balkan, in denen zum Drogen-, Frauen-, und Menschenhandel zusätzlich Diskriminierung und Verfolgung herrschen, das betrifft vor allem die Volksgruppe der Roma. Wir, jene Länder, die zuerst Teil der EU waren, haben uns entschlossen, dies zu ignorieren und in keiner Weise politisch darauf zu reagieren.

Für diesen lächerlich geringen Anteil an Menschen, die nach Europa gelangen oder gezielt nach Deutschland wollen, haben wir als einzig politische Maßnahme, die eben erwähnten drei Ideen. Nationale Grenzen schließen. Außengrenzen schützen. Flüchtlingszahlen reduzieren.

Die Konsequenz darauf ist, dass Menschen, die eben gerade von einer lebensbedrohlichen Reise über das Mittelmeer irgendwo in Europa angekommen, von uns, die wir die Idee der Grenzschließung auf jede erdenkliche Art und Weise durchexperimentieren – entweder durch Einreisebestimmungen oder tatsächliches Dichtmachen der Grenze mit Zaun und Waffen – diesen schutz- und rechtlosen Menschenstrom kreuz und quer über den Kontinent jagen.

Es wird in Kauf genommen, dass Menschen sterben

Die Begründung dafür ist einfach: Wir haben uns entschlossen, Grenzen zu schützen und nicht Menschen.

Flüchtlingszahlen verringern und Grenzen schließen heißt, Menschen die Menschenrechte nicht zu gewähren. Menschenrechte eben nicht als universell zu betrachten, im Sinne: gültig für alle Menschen und durch alle Zeiten hindurch. Grenzen zu schließen bedeutet nicht, den Schlagbaum herunter zu lassen, sondern es bedeutet, in Kauf zu nehmen, dass Menschen sterben. Weil sie zurück in die Boote kehren müssen und über das Mittelmeer zurückreisen. Wer nicht auf der Hinfahrt ertrank, tut es vielleicht auf der Rückfahrt. Wer auf der Balkanroute nach Europa rein nicht verhungerte oder vor Erschöpfung zusammenbrach, tut es vielleicht auf dem Rückweg.


Wenn wir Grenzschließungen debattieren, verhandeln wir über die Anzahl von Menschenleben. Grenzen schließen und Flüchtlingszahlen reduzieren heißt nichts Geringeres, als Menschen zu töten. Das ist der einzig präzise Ausdruck für das, was sich hinter dieser technischen, sauber geleckten Vokabel verbirgt. Und wenn man das weiß, dann muss man sich auch trauen, diesen wie mit dem Skalpell gestochen scharfen Ausdruck zu verwenden. Dann gilt es in den Talkshows nicht mehr die "Forderung nach Obergrenzen" zu diskutieren oder ein "Tageskontingent", sondern die Anzahl von Menschen, die wir an einem menschenwürdigen Leben teilhaben lassen wollen. Wir müssen bei unseren Politikern auf präzise Ausdrucksweise bestehen. Wir müssen sämtliche Politiker massiv zwingen und unter kolossaler Anstrengung dazu nötigen, die genaue Anzahl von Menschen zu definieren, die sie künftig nicht mehr über die Grenze reinlassen wollen. Sie sollen die genaue Anzahl der Toten benennen, die sie bereit sind, in Kauf zu nehmen. Sie sollen sich nicht mehr hinter der Anzahl der Geretteten verstecken, sondern geradestehen, für die Anzahl der Getöteten, Versehrten, Alleingelassenen.


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Chris Herbert war 19 Jahre alt, als er für die britische Armee im Irak im Einsatz war. Eine Bombe am Strassenrand tötete seinen Freund und raubte Herbert sein rechtes Bein. Nach den Anschlägen in Paris erhielt der Veteran Anfragen von Anti-Islam-Gruppierungen. Sie fragten ihn, ob er als Aushänge-Schild für ihre Sache werben wolle. Schliesslich müsse er alle Muslime hassen, da ihm ein Muslim sein Bein nahm. Doch Herbert ist mit dieser Logik gar nicht einverstanden. Er drückte seine Wut in einem ausführlichen Facebook-Post aus, den jeder lesen sollte.

«Langsam frustrieren mich all die Leute, die Rassismus von mir erwarten, weil ich in die Luft gejagt wurde. So ist es:
Ja, ein Muslim hat die Bombe gezündet und ich habe mein Bein verloren.
Ein Muslim hat am selben Tag seinen Arm verloren, während er die britische Uniform trug.
Ein Muslim-Arzt war im Helikopter, der mich abholte.
Ein Muslim-Chirurg rettete mein Leben.
Eine Muslim-Krankenschwester war im Team, das mir bei der Rückkehr nach Grossbritannien half.
Ein Muslim-Krankenpfleger war Teil des Teams, das mir bei der Rehabilitierung half.
Ein Muslim-Taxifahrer fuhr mich gratis nach Hause, nachdem ich das erste Bier nach meiner Rückkehr mit meinem Vater trank.
Ein Muslim-Doktor tröstete meinen Vater in einem Pub, als er nicht wusste, wie er mit meinen Medikamenten und Nebenwirkungen umgehen musste.
Im Gegensatz dazu:
Ein weisser Brite spuckte ins Gesicht meiner Freundin, weil sie mit einem ‹Krüppel schläft, obwohl sie ihn haben könnte›.
Ein weisser Brite stiess meinen Rollstuhl vom Lift weg, damit er ihn zuerst benutzen kann.
Ein weisser Brite schrie meinen Vater an, weil er auf dem Behinderten-Parkplatz parkierte.
(Natürlich halfen mir auch viele, es ist nicht so, dass ich weisse Briten hasse, haha!)
Der Punkt ist: Verpisst euch. Ich weiss, wen ich nicht mag. Und ich weiss, wen ich mag. Wenn du eine ganze Rasse von Männern und Frauen hassen willst, weil einige Idioten etwas machen, von mir aus, aber lass mich mit diesen Gedanken in Ruhe. Denk nicht, ich sei ein einfaches Ziel, weil ein Idiot gedacht hat, er müsse mich umbringen.
Alle Muslime für die Handlungen von Gruppen wie Daesh und den Taliban verantwortlich zu machen, ist wie alle Christen für die Handlungen des Ku-Klux-Klans oder der Westboro Baptist Church verantwortlich zu machen. Kriegt euer Leben in den Griff, umarmt eure Familien und geht zurück zur Arbeit!»





Auszug aus einer Kolumne von THOMAS FISCHER (Bundesrichter in Karlsruhe) in der ZEIT vom 19. Januar 2016


Migrantenkriminalität

Kommen wir zur Sache, also zu der Frage, welchen Einfluss Migranten – also Aus- oder Einwanderer – auf die jeweils heimische Rechtskultur, Sicherheitslage und Kriminalitätswahrnehmung haben:

Wer sind "Ausländer"?

Als sei Didi Thurau, unserem garantiert ungedopten Nichtkriminellen, bei 52 km/h ein Schlauchreifen geplatzt, so heftig haben wir kürzlich erfahren, dass der und die Deutsche über Fragen der Kriminologie mit aller Kraft und Leidenschaft nachdenken und ihre Energie darauf verwenden, redlich und objektiv den Dingen auf den Grund zu gehen.

Der Kolumnist, Blick zurück auf ein Studium der Soziologie und Lehraufträge im Fach Kriminologie, ist begeistert: Wenn es gelänge, einen kleinen Teil der Besorgten und Aufgewühlten für das Fach und seine interessanten Fragestellungen und Ergebnisse zu interessieren, wäre dies ein schöner Effekt eines durch und durch unschönen Ereignisses.

Migrantenkriminalität: Dazu gibt es eine unendliche Fülle von interessanter Literatur. Es gibt natürlich auch eine unendliche Fülle von nicht interessanter Literatur. Das hat mit dem Qualitätsanspruch von Wissenschaft zu tun, nicht aber mit der Sache.

Warum hat A den B ermordet? Warum wurde D von B ausgeraubt, vergewaltigt, genötigt, geschlagen, betrogen? Wie können wir verhindern, dass X, Y oder Z morgen dasselbe tun? Darüber denken intelligente Menschen seit langer Zeit nach. Es wäre ein echtes Wunder, wenn ein Schreihals mit null Ahnung, null Erfahrung und null Bildung innerhalb von wenigen Tagen die Lösung gefunden haben sollte: Der Ausländer ist schuld, Sauron von Mordor oder der Niedergang von Werder Bremen.

Das Phänomen "Ausländerkriminalität" ist nämlich weder auf der Domplatte zu Köln am 31. Dezember 2015 noch überhaupt in Deutschland erfunden worden. Es wird seit ungefähr 150 Jahren diskutiert in vielen Staaten dieser Welt. "Ausländerkriminalität" ist ein vielschichtiges, kompliziertes und interessantes "Phänomen" und Forschungsgebiet.

Zunächst einmal muss man ja erst darauf kommen, sie von "Inländerkriminalität" zu unterscheiden. Warum? Was sind "Ausländer und "Inländer"? Ist Internetkriminalität "ausländisch?" Wer sind "Ausländer"? Japanische Touristen, amerikanische Soldaten, diplomatisches Personal, illegale marokkanische Einwanderer: Darf man die alle gleich behandeln?

Oder: Welche "Ausländer" gibt es bei uns überhaupt? Viele sagen "Ausländer" zu Menschen, die seit Jahrzehnten Deutsche sind, zu Kindern und Kindeskindern von Menschen, die in den 1960er, 1970er Jahren nach Deutschland eingewandert sind. In Versammlungen rechtsradikaler Einfaltspinsel reklamieren "Deutsche", deren Wurzeln irgendwo im Balkan liegen, eine Vorherrschaft gegenüber den Enkeln mutiger Arbeiter, die 1970 aus Anatolien ans Ende ihrer Welt gereist sind, um die amerikanische Automarke Ford in Köln groß zu machen. Da ging es nie um Biologie, sondern immer nur um Macht und Ohnmacht. Wer ist "deutscher": Der studierte Enkel eines 1961 eingewanderten Pizzabäckers, oder der Mecklenburgische "Kamerad" ohne Schulabschluss, aber mit rumänischem Großvater und amerikanischer "Bomberjacke"?

Relativierungen

Migrantenkriminalität gibt und gab es: in den USA, in Kanada, in Italien, in England, in Spanien, in Deutschland, in Vietnam, in Australien … besser gesagt: in einer sehr großen Anzahl von Staaten dieser Welt. Wer etwas Vernünftiges über Migrantenkriminalität erfahren will, sollte – zum Beispiel – über Folgendes nachdenken:

Welche Taten müssen von vornherein ausscheiden? Ausländertaten, wie illegaler Aufenthalt. Solche Taten können "Inländer" gar nicht begehen. Urkundendelikte: 95 Prozent der Urkundenfälschungen von Ausländern sind Taten, die mit der (mitunter verzweifelten) Erlangung eines Aufenthaltsstatus zu tun haben. Delikte, die von Ausländern im Ausland begangen werden und im Inland bloß wirken: Internetstraftaten insbesondere. Man muss auch die zahlreichen Taten abziehen, die von ausländischen Touristen in Deutschland begangen werden. Dann muss man solche Delikte besonders betrachten, die von international tätigen Verbrecherkartellen in oder mit Auswirkung auf Deutschland begangen werden. Also: Geldwäsche; Zolldelikte; Außenhandelsdelikte; Drogendelikte und dergleichen.

Erst nach all diesen Schritten der Differenzierung also landen wir bei Problemen der Migranten- oder Ausländerkriminalität im engeren Sinn.  

Die Einwanderer machen viele Fehler

Über wen sprechen wir überhaupt? Das ist ein zentrales Thema der Kriminologie. Sind minderjährige männliche Einwandererkinder ohne Ausbildung in Paris vergleichbar mit weiblichen schwarzen Jugendlichen mit High-School-Abschluss in Chicago? Wenn nein – warum nicht? Welche Schlussfolgerungen lassen sich ziehen? Was muss getan, was unterlassen werden? Wie viel Mitgefühl darf man haben, wie viel Wut?

Die entscheidende Frage jeder Wissenschaft, daher auch der Sozialwissenschaft, daher auch der Kriminologie, ist die der "Differenzierung", also der Unterscheidung und Relativierung. Es gibt Erscheinungen des Lebens und Erfahrungen des Alltags; es gibt Erklärungen, Theorien, Korrelationen. Hinter jeder Wegkreuzung der Erkenntnis können Denkfehler, Kurzschlüsse und Fehlerquellen liegen.

Beispiel Ausländerkriminalität: Selbst wenn wir eine bestimmte Ethnie als "Ausländer" definiert haben, stellen sich viele Fragen: Wie sind Altersstruktur, Geschlechtsstruktur, Sozialstruktur dieser Ethnie im Vergleich zur Mehrheit? Wie hoch sind die Verzerrungen der Wahrnehmung dadurch, dass "Fremde" – überall und immer – einer wesentlich höheren Aufmerksamkeit und sozialen Kontrolle unterliegen als "Einheimische"? Welche Ungleichzeitigkeiten, Verwirrungen, Überspitzungen werden von ethnischen Minderheiten in die Aufnahmeländer integriert, ohne dass eine "Kultur" dafür verantwortlich gemacht werden kann? Was ist importiert, was ist vorgefunden?

Aus 50 Jahren Forschung in Deutschland meinen wir, ein paar Erkenntnisse zu haben, die tragfähig sind. Dazu gehört, dass die Desintegration und Kriminalitätsbelastung der zweiten oder dritten Einwanderergeneration deutlich höher ist als die der ersten, die in besonderem Maße auf Anpassung und Integration ausgerichtet ist und dafür sogar dramatische soziale Deklassierungen in Kauf nimmt: Ein kurdischer Ingenieur geht zu Ford ans Band; eine tunesische Lehrerin wird Änderungsschneiderin, ein afghanischer Medizinstudent räumt bei Lidl Regale ein. Diese Menschen tun und ertragen das, weil es ihren Kindern "einmal besser gehen soll".

Die Einwanderer machen dabei – das darf keinesfalls vergessen werden – viele Fehler: Sie fürchten sich; sie halten starr an den Traditionen ihrer Heimat fest; sie flüchten sich in Gewohnheiten aus der alten Kultur; sie reden nur mit sich selbst, und in ihrer Muttersprache. Das alles ist falsch und manchmal auch dumm, aber überaus menschlich und verständlich. Die deutschen Auswanderer des 19. Jahrhunderts haben sich in den USA oder in Australien kein bisschen anders verhalten: Stille Nacht, Osterhase, erzgebirgische Schnitzerei, Sepplhut, Karl Moik. Noch heute hüpfen bezopfte deutsche Mädels in vierter Generation in Namibia herum, und ihre Großeltern machen ihnen weis, so sei Deutschland.

Und dann noch etwas, notorisch unterschätzt: Nehmen wir einmal an, liebe Leser, in Deutschland wird alles immer schlechter, wie es uns gewisse "besorgte" Kreise weismachen wollen. Der Rhein wird wieder giftiger, die Straßen unsicherer, der Mann impotenter, die Währung volatiler. Was tun Sie dann? Wann ist die Grenze erreicht, an der Sie ihren Rimowa-Koffer packen und nach Tansania aufbrechen, im Gepäck ein paar Gramm Gold, ein Abitur aus Herzogenaurach und eine Schlagbohrmaschine von Bosch?

Das dauert verdammt lange. Selbst wenn fast gar nichts mehr zu leben und zu fressen da ist, kriecht der besorgte Bürger erfahrungsgemäß noch vor den Palästen der Reichen herum, hält die Hand auf und kann sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf dem Viehmarkt von Casablanca oder der Müllkippe von Neu-Delhi oder dem Hafen von Shanghai sein Auskommen zu suchen. Umgekehrt: Was sind das wohl für Menschen, die aus Casablanca und Neu-Delhi und Shanghai hierher kommen?

Es sind eben nicht die Dümmsten, nicht die Feigsten, nicht die Hilflosesten. Es sind Menschen, die genau das tun, wovon der deutsche Reihenhaus-Besitzer träumt, wenn er ein paar Bruce-Willis-Filme gesehen und ein paar Jobs verloren hat: das Schicksal selbst in die Hand nehmen. So haben wir, verehrte "Abendländer gegen Islamisierung", ganz Amerika erobert und die Nordwest-Passage entdeckt und die Tuberkulose besiegt.

In Deutschland gab es schon immer "Pegida"

Statistik

Betrachtet man die Zahlen, die uns die Wissenschaft liefert, stellen sich viele Sachverhalte überraschend anders dar, als uns eine öffentliche Diskussion suggerieren will, die jeden Nonsens für eine billige Schlagzeile in Kauf nimmt, und eine ganz schnelle Lösung für jedes Problem verspricht.

Die Zahlen zeigen zum Beispiel, dass die Kriminalitätsbelastung junger "deutscher" Männer zwischen 18 und 25 nicht nennenswert niedriger ist als die von Ausländern – Einwanderern – derselben Altersgruppe. Dass die allermeisten Opfer von Gewalttaten aus genau derselben sozialen Gruppe kommen wie die Täter. Dass die Erfolge von Resozialisierung verurteilter Straftäter bei Ausländern nicht wesentlich geringer sind als bei Inländern.

Angeblich, so sagt die Legende des sogenannten "gesunden Menschenverstands", ist jede Statistik eine Lüge. Das stimmt natürlich nicht und ist nur eine billige Vertröstung der Menschen, die sich mit Fragen der Statistik nicht auskennen. Tatsächlich ist jede Statistik eine zu beantwortende Frage, eine intellektuelle Herausforderung, eine offene Behauptung. Sie kann richtig sein oder falsch, erhellend oder sinnlos. Eine Statistik, die eine gleichzeitige Zunahme menschlicher Geburten und der Beobachtung von Weißstörchen darstellt, ist nicht "falsch", aber gewiss auch kein Beweis für die Klapperstorch-Theorie! Sie sagt so viel aus wie die Statistik zwischen Mondphasen und Abtreibung. Auch über dieses schöne Thema ist in Deutschland schon promoviert worden.

Daraus ist nun nicht zu folgern, es löse sich das Problem der Migrantenkriminalität unter dem Vergrößerungsglas der Empirie einfach in nichts auf. Es gibt zum Beispiel einen mit jeder Migrationsbewegung einhergehenden Import spezifischer Kriminalität, teilweise als bloße Randerscheinung, weil die Migranten (als Täter) ihre Opfer (als Migranten) gleich mitbringen, teilweise durch importierte Strukturen, die an die sozialen Gegebenheiten des Aufnahmelands angepasst werden. Klassisches Beispiel: die italo-amerikanische Mafia. Die Mafia hatte sich in Sizilien und später ganz Süditalien als Ordnungsmacht der Latifundien-Eigentümer gegen die Kleinbauern entwickelt, in vielerlei Hinsicht aber als allgemeiner Faktor einer Parallelverwaltung etabliert: Sie beging niemals wahllos Verbrechen, wie es die Filmkultur suggeriert, sondern gewährte Schutz, soziale Hierarchie, Orientierung. Ihre Strukturen waren perfekt geeignet, die in den USA ankommenden, dort unterprivilegierten und ausgegrenzten italienischen Einwanderer zu organisieren. Ganz ähnliche, jeweils spezifische Strukturen bauten auch andere eingewanderte Ethnien auf, um sich Räume der Entfaltung zu erkämpfen und zu sichern: Iren, Chinesen, Mexikaner, Deutsche. 

Zu guter Letzt

Zur Frage, wie es sich mit der Kriminalität junger entwurzelter Männer in fremden Kulturen verhält, gibt es eine wirklich sehr breite wissenschaftliche Literatur. Sie umfasst die Gefährten des Odysseus, die Mordgesellen des Herrn Hernán Cortéz, die verlorenen Existenzen der deutschen Sonderkommandos in Russland. Und viele mehr.

Sie kennt auch die "Fremden im Innern", die "Outlaws" und Verrückten: "Teds" und "Mods", "Halbstarke", "Rockerclubs", "Gammler" und "Punker" und zahllose andere Erscheinungsformen einer ziellos-desorientierten, subjektiv hoffnungslosen, bildungsschwachen und ausgegrenzten männlichen Jugend. In Deutschland gab es auch schon immer "Pegida": unsere "besorgten" Bürger gegen italienische Mopeds, spanische Schmalzlocken, türkische Neudeutsche. Schauen Sie sich, liebe Leserinnen jenseits der 50 oder 70, Muttis und Omis, ein paar Aufzeichnungen aus ihren Jugendtagen an: Als Sie mit wehendem Petticoat und brennendem Herzen vor dem Dorfkino auf und ab gingen und auf den schönen Jungen aus Oklahoma oder Neapel warteten: My friend Jack eats sugar lumps (The Smoke).

Und für die verehrten Bildungsbürger unter den besorgten Bürgern empfehle ich eine schöne deutsche Operette: West Side Story. Sie ist 65 Jahre alt. Ihr Schöpfer war ein Jude aus der Ukraine. Kein hergelaufener Krakeeler aus Großdeutschland könnte ihm jemals das Wasser reichen.

Bleiben Sie bitte ruhig und freundlich.







An das Pack!
Ihr da! ... Ja, ihr seid gemeint! ... Du und du und du! – Sicherlich fühlen sich die Richtigen schon angesprochen und alle anderen wissen schon, wer gemeint ist ...
Solltest du dich fragen, ob du zur Gruppe der Gemeinten oder zur Gruppe der Nichtgemeinten gehörst, atme einfach tief durch, versuche dich zu entspannen! ... Falls du etwas spürst, was sich anfühlt wie: "Gleich geht mir das Messer in der Tasche auf!" oder wenn deine innere Stimme spricht: "Den kriegen wir auch noch!", oder: "Dem muss mal die Fresse poliert werden!", dann ... Ja, dann sollst du dich angesprochen fühlen! – Die Nichtgemeinten dürfen trotzdem weiterlesen.
Es wird euch nicht gefallen, was ich euch zu sagen habe. Schon lange liegt es mir auf der Zunge, doch irgendwie war etwas anderes immer wichtiger. – Aber jetzt, da ihr Morgenluft wittert und aus euren miesen Löchern kriecht, ist die Zeit reif dafür:
Ihr seid diejenigen, die eine Alternative sein wollen – ausgerechnet ihr, Wiedergänger derer, die die halbe Welt in Brand gesetzt und das Land in die Zerstörung geführt haben. Brandstifter wart ihr immer schon, auch geistige Brandstifter! – Ihr seid es jetzt wieder! Euer Süppchen habt ihr schon immer auf Kosten anderer gekocht. Ihr tut so, als wäret ihr die Verteidiger der Kultur. Wenn man aber mit euch spricht oder eure Ergüsse liest, stellt man fest, dass ihr noch nicht einmal eure Sprache beherrscht. Ihr kommt euch schlau vor, in Wirklichkeit aber seid ihr dumm. Scheinheilig gebt ihr vor besorgt zu sein, doch in Wirklichkeit seid ihr es, die die Ängste der Menschen wecken. Die Verantwortung für eure Taten leugnet ihr, stattdessen schiebt ihr den Schwarzen Peter anderen zu. Ihr hetzt gegen diejenigen, von denen ihr glaubt, sie könnten euch nicht gefährlich werden – Juden, Roma, Schwule, Frauen, Flüchtlinge, Migranten, Asylsuchende und Behinderte. Es sind immer die vermeintlich Schwächeren, die Minderheiten! Stark fühlt ihr euch nur, wenn ihr gewalttätig seid, ansonsten seid ihr feige. Das Fremde treibt euch zum Wahnsinn. Eure größte Angst ist die vor der Zukunft. Ihr verachtet den Staat, der euch beschützt und das Recht garantiert, euch zu entfalten. Ihr wollt ihn zerstören. Die gegen euch sind, wollt ihr vernichten. Eure Argumente sind die Fäuste. Doch wenn ihr auf den Tisch schlagt, gebt ihr zu erkennen, wie jämmerlich ihr seid. – Ihr seid widerlicher Abschaum!


Heinz Michael Vilsmeier





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Ich bin deutsch und Muslima. Meine Eltern kommen aus Marokko. Wenn ich höre, dass manche der Verbrecher von Köln aus Marokko kommen sollen, wird mir schlecht. Dafür gibt es weder eine marokko- noch islamspezifische Entschuldigung oder Erklärung. Vergewaltigung ist auch in Marokko strafbar und die Entehrung einer Frau ist für Muslime eine sehr schwerwiegende und schlimme Tat.

Mir wird aber auch schlecht, wenn ich nun ständig für Marokkaner oder - mal wieder - Muslime allgemein sprechen soll. Ich bin in Hannover geboren und nicht in Marrakesch oder Casablanca. Hier nochmal für alle: Nein, ich kann es trotz meines Migrationshintergrundes und meiner Religion nicht nachvollziehen, wenn Frauen vergewaltigt werden – egal von wem. Die Annahme, dass ich es könnte, ist ein Abgrund menschlicher Dummheit.

Die Selbstverständlichkeit, dass man anderen Menschen kein Leid zufügt, ist übrigens universell und auch im Ausland bekannt. Moral ist keine deutsche Errungenschaft, bei der man nochmal nachfragen müsste, ob sie schon bei uns Zugewanderten verfügbar ist. Alle Flüchtlinge, mit denen ich gesprochen habe sind genauso erschüttert, wie ganz Deutschland. Insbesondere, weil sie durchaus wissen, dass eine der Folgen von Köln ist, dass sie nun alle misstrauisch angeschaut werden.

Ich bin stolz, Deutsche zu sein. Ganz besonders stolz war ich, als ich die Begrüßung der Flüchtlinge in München gesehen habe. Das war eine Feierstunde unserer Verfassung und der humanistischen Errungenschaften auf denen sie fußt. Auch das „Wir schaffen das“ der Kanzlerin finde ich gut und richtig.

Die Entscheidung Flüchtlinge aufzunehmen bleibt auch richtig – trotz Köln. Denn die Ereignisse der Silvesternacht haben nichts mit unseren eigenen Werten und unseren Ansprüchen an uns selbst zu tun. Entweder wir sind der Meinung, dass der Schutz von Verfolgten richtig ist oder wir sind es nicht. Alles hinzuschmeißen, weil ein Tausendstel der Flüchtlinge kriminell geworden ist, würde unser Wertesystem als Heuchelei entlarven. Man kann nicht der Vorsitzende vom Vegetarierbund sein, aber zur nächsten Schnitzelbude flüchten, wenn man eine angeschimmelte Gurke im Kühlschrank hat.

Richtig ist aber auch, dass wir nun konsequent handeln und Straftäter ihrem rechtmäßigen Schicksal zuführen. Ich kenne aber auch niemanden, der anderer Meinung wäre. Umgekehrt würde es von einer unfassbaren Prinzipienlosigkeit zeugen, wenn dieser Anlass nun genutzt würde, um unsere gesamte Flüchtlingspolitik um 180 Grad zu drehen.

Meine Eltern sind vor 52 Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen. Die Konsequenz waren nicht Vergewaltigungen und Straftaten, sondern sechs neue deutsche Kinder. Meine Geschwister arbeiten als Tanzlehrer, Restaurantfachfrau und Rechtsanwaltfachangestellte und ich, ich bin deutsche Soldatin.

Auch viele Flüchtlinge werden in Deutschland bleiben und Kinder haben. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass auch sie eine deutsche Heimat haben, in die sie sich einbringen und auf die sie stolz sein können.

Nariman Reinke
Stellvertretende Vorsitzende

Deutscher.Soldat. e.V.






Konstantin Wecker

Facebook, 14. November um 16:27 ·

Liebe Freunde,
mit einem grinsenden Smiley bejubelt Matthias Matussek, Autor der „Welt“, auf Facebook die Anschläge von Paris, um sie für sein rassistisches Weltbild zu gebrauchen:
„Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.“
Aber ist es nicht so, dass diese „unregistrierten jungen Männer und Frauen“ genau vor diesem Terror fliehen? Vor den Mörderbanden des IS?
Anstatt alle islamischen Männer unter Generalverdacht zu stellen, sollte man einfach mal nachdenken: Derart gut ausgerüstete Attentäter begeben sich ganz sicher nicht schwer bewaffnet auf eine monatelange Flucht übers Mittelmeer, sie sind von gut vernetzten und finanziell bestens ausgestatteten Organisationen mit Waffen bestückt und geschickt.
So schrecklich es ist, aber nun bekommen wir einmal mehr etwas davon mit, in welcher Angst Millionen von Menschen seit Jahren leben müssen, tagtäglich Terror und Bombenangriffen ausgeliefert.
Und wer weiß, wenn man die Waffen der Terroristen zurückverfolgen würde, ob man nicht immer wieder auch auf Waffen deutscher Herstellung stoßen würde.
Herr Matussek ist gespannt »wann die Regierenden erneut eine Lichterkette aufbauen und davor warnen, den Islam zu verteufeln und den rechten Populisten hinterherzulaufen«.
Es ist schäbig, so ein schreckliches Ereignis für seine eigene krude Ideologie zu missbrauchen. Doch ich fürchte es wird Schule machen. Matussek ist natürlich nicht allein. Rechtspopulisten, wie Bayerns Finanzminister Markus Söder fordern nach den Anschlägen von Paris Konsequenzen für die deutsche Flüchtlingspolitik. "Es kann nicht sein, dass wir nicht wissen, wer nach Deutschland kommt und was diese Menschen hier machen. Diesen Zustand müssen wir mit allen Mitteln beenden“.
So kocht eben jeder dieser aufrechten Männer sein infames Süppchen mit dem Leid der Menschen.
In seinem klugen Kommentar im „nd“ schreibt Tom Strohschneider:
„Auf gewisse Weise sind die Hass-Twitterer und die Matusseks dieser Welt die besten Helfershelfer der Terroristen. Beide betreiben ein Geschäft mit der Angst, in dem der Tod von Menschen eingepreist ist, und das dazu dienen soll, einen erreichten Stand gesellschaftlicher Zivilität zu unterminieren, den man zwar für unzureichend halten kann. Der aber verteidigt gehört gegen den Rückfall in barbarische Zustände. Vive la liberté.“
Lasst uns in unserer berechtigten Wut über diese barbarische, grausame, durch nichts zu entschuldigende Tat nicht die Ärmsten der Armen zu Sündenböcken machen. Die Unmenschlichkeit dieser Anschläge darf uns nicht unserer Menschlichkeit berauben.
P.S.:
Bernd Ulrich schreibt in der ZEIT:
„Der größte Feind des islamistischen Terrorismus ist die Willkommenskultur.
Denn das ist das einzige, was wir noch nicht ausprobiert haben: die Araber und Perser so zu behandeln, als seien sie Menschen wie Du und ich, wie Nachbarn. In den letzten 100, 50, 20, zehn und zwei Jahren haben Europäer und Amerikaner den Mittleren Osten misshandelt, ausgebeutet und verachtet. Nie stand die Frage im Zentrum, was können wir tun, damit es den Menschen dort unten besser geht. Immer ging es zu allererst um die Frage, wie man Öl rausholt und Terrorismus nicht rauskommen lässt. ……
Dazu müssen die Europäer sich mit den gutwilligen, fliehenden, dort unten um ihre Rechte kämpfenden Muslimen gegen jene verbünden, die Hass säen, gegen die Terroristen vom IS und gegen die herrschenden Islamisten in Saudi-Arabien…“
Einen anderen Weg gibt es nicht, oder Europa taumelt - wie es seinerzeit Thomas Mann über Deutschland schrieb - dem Abgrund entgegen.



WDR 2 Klartext zu den Anschlägen in Paris:

Anschläge nicht instrumentalisieren

Die Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben nichts mit dem Terror in Paris zu tun. Politiker, die anderes suggerieren, nähren Hass und spalten die Gesellschaft, meint Horst Kläuser.

Wie mies ich diese Besserwisser finde. Die tun nämlich schon lange so, als hätten sich hunderttausende Terroristen mit Schlauchbooten auf dem Weg zu uns gemacht. Mit Kindern, Plastiktüten und - sehr verdächtig! - Smartphones. "Das habe ich doch prophezeit", ist ihr primitiver Schlachtruf, mit dem sie beweisen wollen, dass wir die Doofen sind. Wir reichen nämlich den Flüchtlingen die Hand, während die anderen angeblich das Abendland vor dem Untergang retten. Wenn ihr so klug seid, dann erklärt doch bitte mal, warum einige der Mörder bei "Charlie Hebdo" und der Killer vom Wochenende in Frankreich geboren wurden.

Der Terror braucht keine Flüchtlinge, auch nicht zum Verstecken. Wer jetzt, wie die einschlägigen Politiker aus Süddeutschland, die Bundeswehr an die Grenzen stellen will, muss sich fragen lassen, ob er da nicht den anderen Hass nährt, den, der Heime in Brand setzt, Menschen verachtet und ebenfalls Gewalt predigt. Die Leichensäcke in Paris für die eigene Politik zu missbrauchen, ist dumm und gefährlich. Es spaltet die europäische Gesellschaft, die jetzt nichts weniger braucht als Polarisierung. Wir setzen dem Terror gemeinsam, geschlossen und einig unsere Freiheit, unsere Toleranz, unsere Solidarität, ja, unseren Rechtsstaat entgegen. Das ist zurzeit bestimmt nicht einfach. Es tut auch weh, vor allem angesichts der sinnlosen Opfer.


Aber sagen wir es mal ganz einfach: Wir sind die Guten! Die Bösen sind die Terroristen. Die Bösen sind eben nicht unsere neuen Nachbarn in der Turnhalle nebenan oder in den Containern am Stadtrand. Das sind Menschen. Wer ihnen jetzt hilft, tritt langfristig die Flammen aus, auf denen Terroristen ihr brutales Süppchen kochen.

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Inzwischen ist ein weiterer Zug auf dem Rostocker Hauptbahnhof angekommen. Mir ist kalt. Zuerst kommen die Einheimischen die Treppe herunter. Einige von ihnen rennen, um irgendwelche Anschlussverbindungen zu bekommen. Bei den Einheimischen gibt es drei Gesichtsausdrücke: Einige lächeln zum Stand von "Rostock hilft" herüber. Manch halten dabei den Daumen nach oben. Andere blicken ein wenig ängstlich und völlig irritiert umher, vermeiden aber jeden Blickkontakt. So als wollten wir ihnen ein Zeitungsabo aufschwatzen. Und dann gibt es Menschen, die so unglaublich hasserfüllt und angewidert dreinschauen, dass man Angst bekommt, sie werden sich gleich übergeben. Ein einzelnes auf dem Boden liegendes Taschentuch wird dann dermaßen übertrieben angestarrt, dass jedem zweifelsfrei klarwerden muss: Dieses (natürlich von einem Flüchtling) weggeworfene Taschentuch ist der unwiderlegbare Beweis, dass die Kulturunterschiede völlig verschieden sind und sich die Flüchtlinge ja überhaupt nicht integrieren wollen.
Dann kommen die Flüchtlinge. Wir stehen unten an der Treppe, um die Flüchtlinge zu zählen. Das klappt nur hier, und leider nur mit ein bisschen Rassismus. Es ist manchmal gar nicht so einfach. Denn hin und wieder reißt ein bereits gezählter Flüchtling im Vorbeigehen sein Handy zum Ohr und sagt: "Hallo Hildegard! Wir sind gerade angekommen! Ich hole jetzt den Wagen und fahre dann direkt nach Hause..." Das sind schöne Momente. Da kann man über sich selbst lachen. Und über Rassismus. Ich erinnere mich dabei auch immer an die Bilder von den AfD-Demonstrationen. Haben manche der rechtsradikalen Menschendarsteller eigentlich mal in den Spiegel geguckt? Ich meine, ICH habe ja nichts gegen Ausländer, aber...
Zuerst kommen die Afghanen. Der größte Teil hat keine Kinder und ist daher schneller. Kaum einer ist älter als 18 Jahre. Viele sind deutlich darunter. Selbst fast noch Kinder. Sie sind immer zu dünn angezogen und zittern wie Espenlaub. Wir geben ihnen Decken. Dann stolpern die Familien mit Kindern die Treppe herab. Hier kommt der größere Teil aus Syrien und dem Irak. Ein paar auch aus Afghanistan. Manche sehen gespenstisch aus. Die Augenringe sind tief und dunkel und sie taumeln vor Müdigkeit und Erschöpfung. "Da kommt Aleppo!" flüstere ich. "Und wieder so viele Kinder. Dieser Scheißkrieg..."
Die Afghanen umringen inzwischen Mo, einen unserer Farsi-Dolmetscher und hängen aufmerksam und staunend an seinen Lippen. Diese Szene wiederholt sich, wie ein Ritual, jeden Abend immer wieder und wirkt so, als würde ein Lehrer seinen Schülern einen Vortrag halten. Mo ist selbst vor einiger Zeit aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, und er gibt ihnen wichtige Ratschläge. Zum Beispiel aus Angst vor den Behörden nicht mit dem Alter zu schwindeln. "Ihr müßt immer die Wahrheit sagen. Wenn die Behörden herausfinden, dass ihr irgendwo geschwindelt habt, seid ihr unglaubwürdig!", so rät er ihnen. Sie nicken treu und brav. Ich erinnere mich bei diesem Anblick an all diese verlogenen Hasskommentare im Internet. Da stehen sie nun. Die "Männer". Die "ihre Heimat nicht verteidigen wollen". Die "ihre Frauen und Kinder zurücklassen". Die "Männer mit den Smartphones und den Markenklamotten". Einige von ihnen stehen kreisförmig etwas abseits. Sie sind vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Jemand hat ihnen große Nummern auf die Hände geschrieben. Konspirativ vornübergebeugt schauen sie völlig entrückt und versonnen auf einen kleinen Plüschhund, den einer in seiner Hand hält und immer wieder langsam streichelt. Als sie bemerken, wie ich mich anschleiche, lächeln sie schelmisch. Ganz genau so, als hätte ich sie bei irgendetwas Verbotenem ertappt. Er hört aber nicht auf zu streicheln und läßt mich sein Hündchen fotografieren...
Eine syrische Familie fragt nach einem Arzt. Zwei der drei Kinder sowie der Vater haben Durchfall und Fieber. Die beiden Mädchen sehen nicht gut aus. Wir gehen lieber kein Risiko ein und beschließen, zur Kinderklinik zu fahren. Hasan begleitet mich. Er ist selbst Syrer und hilft als Dolmetscher. Wir erklären der Familie das Procedere. Sie haben große Angst. Ob sie jetzt in Deutschland registriert werden, wollen sie wissen. Wir verneinen. Richtig überzeugt sehen sie nicht aus, aber die Sorge um ihre Kinder besiegt die Angst. Wir fahren los. Aus welcher Stadt sie denn kämen, frage ich. "Aus Aleppo." antwortet der Vater. Wir wissen genug...
Die Mutter bringt die beiden großen Kinder in den Behandlungsraum. Der Vater ist im Warteraum vor Erschöpfung umgekippt und eingeschlafen. Er hatte die ganze Flucht über zwei der Kinder getragen. Das kleine Baby hat er mit letzter Kraft noch in eine Sportkarre der Klinik gesetzt. Es steckt in einem dicken Anzug, aus dem nur das obere Gesicht und die Nase herausschauen. Es schläft tief und fest. Irgendwie unheimlich. Man kann es umhertragen, irgendwo auf einen der Tische legen, auf einen Stuhl setzen oder an die Wand lehnen. Es rührt sich nicht und schläft tief und fest. Wie eine Insektenpuppe. Ich komme mehrmals wieder und vergewissere mich, ob es überhaupt noch atmet. Die Schwester kommt, um die Personalien der Kinder aufzunehmen. Sie schaut die Kinder an. Die Größere sitzt auf dem Stuhl. Die Kleinere liegt auf der Liege und weint bitterlich. Sie zieht dem Mädchen die Kapuze etwas beiseite und fragt: "Was hat sie da im Gesicht?"
Ich weiß nicht, was es genau war, dass mir in diesem Moment einen Schauer den Rücken hinunterlaufen ließ. War es die Tatsache an sich, oder war es der Tonfall der Mutter und des Dolmetschers. Dieser absolut ruhige, sachliche, Normalität verheißende Tonfall. So als würde man nach einem Insektenstich fragen: "Das? Ach so das, ja. Das war ein Bombenangriff." Hasan räuspert sich. "Also, eine Rakete, um genau zu sein."
Die Schwester geht mit den Papieren aus dem Zimmer. Ungläubig gehe ich auf die andere Seite des Zimmers und sehe die verbrannte, frisch vernarbte Gesichtshälfte. Sie war die ganze Zeit unter der Kapuze verborgen. "Du bist mir schon so ein Wirtschaftsflüchtling!" flüstere ich ihr leise zu. Sie lacht, als würde sie verstehen, was ich gerade gesagt hatte. Ich muß mich setzen. Die Mutter geht mit der Größeren auf die Toilette. Der Wirtschaftsflüchtling beginnt zu weinen. Wir versuchen sie zu beruhigen. Den Holzkasper mag sie. Ich schaue Hasan an und schüttele den Kopf. "Gerade mal zwei und schon den ersten Raketenangriff überlebt." Hasan, der ansonsten fast immer lächelt, wird ganz ernst. "Aber sie lebt." Er holt sein Smartphone heraus und zeigt mir das Foto eines kleinen lachenden Mädchens. "Dieses Kind ist aus meiner Heimatstadt." sagt er. "Jetzt ist sie tot. Aber sie haben sie nicht einfach erschossen. Nein. Sie haben sie geschlach..." Seine Stimme versagt. Er hat Mühe seine Tränen zurückzuhalten. "Sie haben sie geschl..." Die Stimme versagt wieder. In seinen Augen wabert die Flüssigkeit wie in einem japanischen Anime. Er fährt mit dem Daumen seinen Hals entlang und stürzt aus dem Zimmer.
Es war vielleicht 4 Uhr morgens als ich an diesem Sonnabend nach Hause kam. Die Kinder hatten zum Glück nichts wirklich Ernstes. Magen-Darm-Grippe. Da es dem Vater selbst nicht gut ging, habe ich in der Unterkunft noch eine Weile auf die Kinder aufgepaßt. Beim Insektenpuppen-Baby war das einfach. Ich legte es einfach quer auf den Esstisch. Es schlief tief und fest. Die Kleinere versuchte mir immer wieder etwas zu erzählen. Mangels Spielzeug, und auf Grund der Tatsache, dass ich mich wegen der Insektenpuppe nicht vom Tisch wegbewegen durfte, habe ich irgendwann mein Smartphone gezückt. Wir haben uns dann sehr lange jedes einzelne meiner sehr zahlreichen Fotos angeschaut. Die Bilder von meiner Tochter mochte sie besonders. Sie lachte dann immer, zeigte auf sie und sagte irgendetwas auf Arabisch. Was ich natürlich nicht verstand. Das hat sie aber nicht gestört. Zum Glück war sie kein Rassist.
Ihr Name ist Fatma. Und ich hoffe, dass sie nicht vier Geschwister waren...

Clemens Ihle







Es ist Zeit.

Es ist Zeit, diesen Kreislauf zu durchbrechen, der sich in zahlreichen Hirnen gerade abspielt und für den es keinen anderen Ausdruck gibt als: Panikattacken.

Es ist Zeit, wieder gerade zu rücken, was aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Es ist Zeit, den verlogenen angeblichen Ängsten vor „Jungen Männern mit Bedürfnissen“ klar entgegen zu treten. Junge Männer, in vielen Fällen Teenager, die von ihren Familien losgeschickt wurden, um für ihre Geschwister das Überleben zu sichern, haben ganz andere Sorgen, als zu pimpern. Auf ihnen liegt die Last, ihre Liebsten in der Heimat zu retten. Die wollen arbeiten und nicht vögeln. Und überhaupt – was habt ihr eigentlich für ein krankes Hirn, dass ihr in jedem jungen Mann einen Vergewaltiger sehen wollt? Wahn – Wunschvorstellung oder was?

Es ist Zeit, den durch und durch abstoßenden Rechtsauslegern klar zu sagen: Dass ausgerechnet ihr euch aufspielt, die Homosexuellen vor den potentiellen Übergriffen der Muslime in Schutz nehmen zu wollen, ist ja wohl der Treppenwitz der Weltgeschichte. Wenn ich die Wahl habe zwischen KZ mit rosa Wimpel oder Rübe ab, dann komme ich als Schwuler aber ganz schön ins Grübeln. Klar gibt es unter Flüchtlingen Intoleranz, Ausgrenzung und auch Hass. Aber als Schwuler wehre ich mich ausdrücklich dagegen, ausgerechnet von „Christlichen-Abendland-Verteidigern“ in Schutz genommen zu werden, nachdem sie mir mit ihrem bigotten Schuldgeschwätz meine halbe Jugend versaut haben, mein Umfeld gegen mich aufwiegeln wollten, nicht wenige Teenager in den Suizid getrieben haben und bis zum heutigen Tag Ausgrenzung predigen. Pfui Teufel!

Es ist Zeit, den Konservativen, die gestern noch die Herdprämie für eine super Idee hielten, die gegen die Frauenquote agitierten und denen man seit Jahrzehnten die Gleichberechtigung der Frau in ihr dumpfes Hirn stopfen muss, zu sagen: Dass ihr euch plötzlich für die Rechte der Frauen interessiert, die ihr über Jahrzehnte hier im Land blockiert habt, das müsste euch eigentlich jeden Morgen den Spiegel im Bad zerspringen lassen. Ja, Menschen, die in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen sind, müssen eine andere Gesellschaftsordnung lernen und anerkennen. Aber tun wir doch bitte nicht so, als seien wir hier schon seit Jahrzehnten die tolerante, weltoffene Gesellschaft schlechthin. Auch für uns war das ein langer Prozess und wie wir wissen, haben nicht alle von uns die nächste Entwicklungsstufe schon erklommen.

Es ist Zeit, denen, die jetzt von „Prügeleien in Flüchtlingsunterkünften“ gar nicht genug bekommen können, zu sagen: In diesem Land brennen mehr Flüchtlingsunterkünfte als es Rangeleien gibt, werden Menschenleben aufs Spiel gesetzt und traumatisierte Flüchtlinge weiter traumatisiert. Das ist die Schande. Das ist das Problem. Zu viele aggressive junge Männer in Zelten nannte man früher Oktoberfest. Aber denen hat man nicht zu Hause die Hütte zerbombt und denen fackelt man auch nicht die Halle ab. Also auch hier einen Gang runter schalten in der Erregungsschlaufe.

Menschen flüchten tausende von Kilometern auf der Suche nach Frieden und Arbeit, um dann von Dorfdeppen angespuckt zu werden, die ihren lahmen Arsch noch nie aus dem eigenen Kaff rausgewuchtet haben. Schon gar nicht für einen Arbeitsplatz.

Es ist Zeit, den jungen Menschen, die in Sachsens Dörfern pöbeln und spucken zu sagen: Was machst Du Depp denn noch hier, wenn Du keine Zukunft hast? Du bespuckst Flüchtlinge, die tausende von Kilometern zu Fuß hinter sich gebracht haben? Aber selbst schaffst Du es nicht einmal von Heidenau nach Ingolstadt oder nach München oder nach Stuttgart oder andere Städte, in denen sie händeringend nach Leuten suchen? Was bist Du denn für ein antriebsloser Vollpfosten! Wie? Bei Mama ist schöner? Aber dann noch auf andere herabsehen wollen. Wie erbärmlich.

Es ist Zeit, denjenigen, die auch 25 Jahre nach dem Mauerfall noch erschrecken, wenn sie einen Ausländer sehen, zu sagen: Wie lange denn noch? Wie lange braucht ihr denn noch, um im 21. Jahrhundert anzukommen? Wenn man eine Tür öffnet, dann ist sie offen. Dann kann man rausgehen, aber es können auch andere reinkommen. Was ist daran so schwer zu kapieren? Ich weigere mich anzuerkennen, dass erwachsene Menschen noch Angst vorm schwarzen Mann haben. Oder vorm Nachtkrabb. Oder vor Shrek unterm Bett? Du lieber Himmel. 25 Jahre – das ist eine ganze Generation. Get the fuck over it.

Es ist Zeit, unseren Politikerinnen und Politikern zu sagen: Fangt jetzt bloß nicht an zu wackeln. Organisiert, investiert, professionalisiert. Entlastet die vielen tausend Helferinnen und Helfer. Vermittelt im Ausland, nehmt Europa in die Pflicht, unterstützt Flüchtlingslager näher an den Herkunftsländern und macht all das, was man euren Job nennt. Improvisiert und schießt von mir aus euren Fetisch, der sich „Schwarze Null“ nennt, auf den Mond. Andere Zeiten erfordern andere Maßnahmen. Aber fangt jetzt bloß nicht an zu wackeln. Ein heulender Seehofer ist schon peinlich genug, mehr Memmen brauchen wir nicht.

Es ist Zeit für eine glasklare Haltung. Kein Wackeln. Kein Zaudern. Kein Zögern. Die Menschen in Deutschland wollen in ihrer überwältigenden Mehrheit, dass die Menschlichkeit gewinnt. Sie empfinden durchaus, dass das eine große Aufgabe ist. Aber sie wollen, dass sie gelingt. Sie wollen stolz sein, auf das andere Deutschland.

Daher, liebe Politiker: Bitte mal wieder einen Gang zurück schrauben mit den persönlichen Panikattacken. Uns hier draußen im Land geht es im Oktober 2015 nicht anders als im Oktober 2014. Wir leben unser Leben, mit dem Unterschied, dass wir jetzt endlich die zu kleinen Kinderklamotten und die alten Winterjacken losgeworden sind und uns auch noch gut dabei fühlen konnten. Ansonsten reden wir hier über Fußball, Fifa, den Tatort und erörtern die Frage, warum jetzt plötzlich wieder alle jungen Leute in Röhrenjeans mit Hochwasser rumlaufen. Das sah doch schon 1980 Scheiße aus. Aber woher sollen sie es wissen, da waren sie ja noch nicht auf der Welt. Business as usual, eben.

Also: Macht bitte weiter eure Jobs und vermittelt uns nicht ständig mit Floskeln wie „größte Herausforderung seit …“ oder „Bis an die Grenze der Belastbarkeit …“ oder sonstigem „Ich – hab’-den-Größten-und-auch-die-größte-Krise“ Machogeschwätz eure eigene Überforderung. Keiner von uns in der Nachkriegsgeneration hat jemals eine wirklich große Herausforderung bestanden und keiner von uns ist je an die Grenzen seiner Belastbarkeit gegangen. Außer vielleicht beim Bungee-Jumping. Wir kommen schon klar, macht euch keine Sorgen.

Nicht wir sind es, die größte Herausforderungen zu meistern haben, sondern diejenigen, die zu uns kommen.

Nicht wir haben ein Problem, weil wir in der Turnhalle kein Zirkeltraining machen können, sondern die, die in der Halle leben müssen.

Nicht wir haben irgendeinen Grund zu jammern, sondern alle, die ihre Heimat, ihre Familie, ihre Freunde verloren haben.

Das bitte, liebe Politiker, ist die Antwort, die ihr an euren Stammtischen allen geben solltet, die euch blöd kommen. Und ja, ein fröhliches „Wir schaffen das“ könntet ihr den Stänkerern noch hinterher werfen.

Das würde man dann Rückgrat nennen.

Es ist Zeit.







"Es irren derzeit sehr viele Menschen, verzweifelt nach Obdach und Lebensmöglichkeit suchend, in der Welt herum. In diese Situation kamen sie nicht durch eigene Schuld, sondern durch fremden Willen. Aber das ändert wenig an ihrem Schicksal. Unglück stigmatisiert wie Aussatz. Eine Weile, eine kurze Weile weckt es Mitgefühl, bald Ungeduld, am Ende Ablehnung und Widerwillen. Die Menschen, geneigt, aus der eigenen Not eine Tugend, sind noch mehr geneigt, aus der fremden Not ein Verbrechen zu machen."

"Wenn es heute einem Machthaber einfiele (aus irgendeinem Ressentiment, das er im Busen trägt), die Rothaarigen zu verfemen oder die Linkshänder oder alle, deren Namen mit einem bestimmten Buchstaben anfängt, sie mit jeder moralischen oder anderen Folter zu quälen, sie auszuplündern und in die Fremde zu jagen: von dem Unrecht und Unflat, ausgeschüttet über die verfolgte Menschengruppe, bliebe an dieser so etwas wie ein Makel haften.
Die Wissenschaft, die der Macht Thesen und Hypothesen nach Bedarf liefert, würde jeden gewünschten Beweis beibringen, dass die Rothaarigen, die Linkshänder oder die, deren Name mit einem bestimmten Buchstaben anfängt, ein Übel auf Erden seien und den Nicht-Rothaarigen, den Rechtshändern oder denen, deren Namen mit einer anderen als der fatalen Letter beginnt, ein berechtigtes Missfallen.
Und die andere, die zivilisierte Welt, nach rascher Überwindung ihres ersten Erstaunens und Bedauerns, würde sich bald gewöhnen, in den verfemten Individuen (gar, wenn sie bei der anderen, zivilisierten Welt Zuflucht suchten) nicht Menschen zu sehen, die rothaarig sind, sondern Rothaarige, die trotzdem die Vermessenheit haben, als Menschen gleich denen, deren Haar eine andere Farbe hat, betrachtet und behandelt zu werden."

"Oder, durch ein Gleichnis ausgedrückt: Ein Mensch wird hinterrücks gepackt und in den Strom geschmissen. Er droht zu ertrinken. Die Leute zu beiden Seiten des Stroms sehen mit Teilnahme und wachsender Beunruhigung den verzweifelten Schwimmversuchen des ins Wasser Geworfenen zu, denkend: wenn er sich nur nicht an u n s e r Ufer rettet!"

"Flüchtlinge in Menge, besonders wenn sie kein Geld haben, stellen ohne Zweifel die Länder, in denen sie Zuflucht suchen, vor heikle materielle, soziale und moralische Probleme. Deshalb beschäftigen sich internationale Verhandlungen, einberufen, um die Frage zu erörtern: "Wie schützt man die Flüchtlinge?" vor allem mit der Frage: "Wie schützen wir uns vor ihnen?""



(Alfred Polgar, geb. am 17. 10. 1873, in der "Pariser Tageszeitung" vom 4.1. 1939)




PEGIDA und NSDAP – ein Vergleich

13. Oktober 2015 von Michael Bittner

Die Frage, wie man PEGIDA als Bewe­gung poli­tisch ein­ord­nen sollte, wird ver­schie­den beant­wor­tet. Der Groß­teil der Anhän­ger glaubt, die Stimme des gan­zen deut­schen Vol­kes zu reprä­sen­tie­ren. Für einen Teil der Beob­ach­ter han­delt es sich um besorgte Bür­ger, unter die sich lei­der auch einige Rechts­ex­tre­mis­ten gemischt haben. Ich möchte hier eine andere Sicht­weise vor­schla­gen: PEGIDA ist eine neo­fa­schis­ti­sche Bewe­gung, der es – aller­dings nur zeit­weise und regio­nal begrenzt – gelun­gen ist, auch viele kon­ser­va­tive Bür­ger, poli­tik­ferne Men­schen und sogar einige linke Sys­tem­kri­ti­ker zu mobi­li­sie­ren. Um Miss­ver­ständ­nis­sen vor­zu­beu­gen, sei sogleich ange­merkt: Wenn PEGIDA hier als faschis­ti­sche Bewe­gung begrif­fen wird, so impli­ziert das nicht die Behaup­tung, jeder Anhän­ger oder auch nur die Mehr­heit von ihnen hätte eine ideo­lo­gisch ver­fes­tigte faschis­ti­sche Welt­an­schau­ung. Aber der Cha­rak­ter und die Dyna­mik einer sol­chen Bewe­gung wird eben nicht von den Mit­läu­fern bestimmt, beson­ders wenn diese wie in Dres­den so schafs­mä­ßig gleich­ge­schal­tet ihren Füh­rern kri­tik­los zuju­beln und hin­ter­her­trot­ten. Eben diese Füh­rer bestim­men dar­über, wohin sich PEGIDA bewegt. Und an der Rich­tung kann es ein Jahr nach der Grün­dung kaum mehr einen Zwei­fel geben.

Eine der größ­ten Erfolgs­ge­schich­ten des Faschis­mus ist zwei­fel­los die Erobe­rung Ber­lins in den letz­ten Jah­ren der Wei­ma­rer Repu­blik. Joseph Goeb­bels gelang es als Chef der zuvor schwäch­li­chen ört­li­chen NSDAP, noch vor der Macht­über­nahme 1933 die Mei­nungs­ho­heit ebenso wie die Hoheit über die Stra­ßen weit­ge­hend zu errin­gen. Die Par­tei­zei­tung Der Angriff benutzte er zu die­sem Zweck ebenso vir­tuos wie den offe­nen Ter­ror. Seine Stra­te­gie ist bis heute Vor­bild für alle ähn­li­chen Ver­su­che – so offen­kun­dig auch für PEGIDA. Für den fol­gen­den Ver­gleich ziehe ich eine höchst auf­schluss­rei­che Pro­pa­gan­da­schrift von Joseph Goeb­bels mit dem Titel „Der Nazi-Sozi“. Fra­gen und Ant­wor­ten für den Natio­nal­so­zia­lis­ten heran. Sie stellt mit rück­sichts­lo­ser Offen­heit die Ziele und Metho­den der frü­hen NSDAP vor 1933 dar.

„Alle Par­teien haben das Volk belo­gen und betro­gen. Keine hat es ehr­lich gemeint und in der Pra­xis das auch nur ver­sucht, was sie in der Theo­rie ver­spro­chen hatte. Sie kann­ten das Volk nur bei Wah­len. Aber sind die Par­teien Deutsch­land und die Ent­täu­schung über ihren Betrug die Ver­zweif­lung an unsere [sic] Zukunft? Sind die Par­teien schlecht, dann her­aus aus den Par­teien und mit dem Volke gegen die Par­teien!“

Die­ses Zitat stammt nicht von Lutz Bach­mann, son­dern von Joseph Goeb­bels. Aus­gangs­punkt jeder faschis­ti­schen Bewe­gung ist eine dif­fuse Unzu­frie­den­heit mit dem „Sys­tem“, mit sämt­li­chen Regie­run­gen und allen Par­teien. Es gibt wohl nur wenige Men­schen, die für sol­che Aus­rufe der Frus­tra­tion gar keine Sym­pa­thie haben. Wer mag schon Poli­ti­ker? Fun­da­men­tal­kri­tik stößt also immer auf reich­lich Zustim­mung. Der faschis­ti­sche Trick besteht nun darin, die eigene Par­tei nicht als eine Par­tei unter vie­len, son­dern als ein­zig legi­time Ver­tre­tung der gan­zen Nation dar­zu­stel­len. In der Ter­mi­no­lo­gie von PEGIDA: „WIR – NUR WIR SIND DAS VOLK“, wie auf einem Trans­pa­rent bei einer Demons­tra­tion pro­mi­nent zu lesen stand. Zu die­ser Stra­te­gie gehört es, sich von allen tra­di­tio­nel­len poli­ti­schen Zuschrei­bun­gen zu dis­tan­zie­ren, sich nicht ein­ord­nen zu las­sen ins poli­ti­sche Spek­trum.

Wir sind weder rechts, noch links, wir sind zu Recht besorgt, das ist alles!!! (PEGIDA Leip­zig am 18. März bei Face­book)

Wir sind weder bür­ger­lich noch pro­le­ta­risch. (Joseph Goeb­bels)

Wie kön­nen nun aber Leute, wel­che die Behaup­tung „Wir sind das Volk!“ im Munde füh­ren, die Demo­kra­tie, also die „Volks­herr­schaft“, abschaf­fen wol­len? Dazu ist es nötig, der beste­hen­den Demo­kra­tie den demo­kra­ti­schen Cha­rak­ter abzu­spre­chen. Hier kann der Faschis­mus durch­aus an die kon­ser­va­tive und die sozia­lis­ti­sche Kri­tik am Ein­fluss der Öko­no­mie auf die Poli­tik anschlie­ßen. Diese wird aller­dings bis zur Absur­di­tät über­stei­gert, sodass die libe­rale Demo­kra­tie als bloße Fas­sade erscheint, hin­ter der dunkle Gestal­ten die Strip­pen zie­hen:

„Eine schlech­tere Staats­form als unsere heu­tige soge­nannte Repu­blik gibt es wohl kaum. Das ist gar keine Repu­blik. Das ist ein inter­na­tio­na­les Ram­sch­ge­schäft, in dem die ver­stei­gern­den Aus­ru­fer und die meist­bie­ten­den Hebräer sich Staats­män­ner und Kom­mis­sare nen­nen.“

Ganz ähn­lich ist bei PEGIDA von der „BRD-GmbH“ die Rede. Die eigent­li­chen Übel­tä­ter sucht eine natio­na­lis­ti­sche Bewe­gung natür­lich im Aus­land. Tat­jana Fes­ter­ling rich­tet ihre mäßig erfolg­rei­chen Boy­kott­auf­rufe gegen inter­na­tio­nale Unter­neh­men, nicht gegen ein­hei­mi­sche. Und Joseph Goeb­bels meint:

„Gewiß haben wir klar erkannt, daß der Feind sich inter­na­tio­nal auf dem Rücken der Natio­nen Euro­pas ein­rich­tet. Es gibt kaum noch natio­nale Kapi­tals­ar­ten in Deutsch­land: Eisen­bahn, Berg­werke, Fabri­ken, Geld, Gold, Reichs­bank, alles ist umge­münzt in Akti­en­scheine, und diese lie­gen in den Tre­sors der Juden­ban­ken in Lon­don und Newyork.“

Einen gro­ßen Teil sei­ner Anzie­hungs­kraft, gerade bei den soge­nann­ten klei­nen Leu­ten, ver­dankt der Faschis­mus sol­chen anti­ka­pi­ta­lis­tisch klin­gen­den Appel­len. Die Volks­ge­mein­schaft soll nicht nur poli­ti­sche Wider­sprü­che, son­dern auch Klas­sen­ge­gen­sätze auf­he­ben:

„Wir nen­nen uns Arbei­ter­par­tei, weil wir die Arbeit frei machen wol­len, weil für uns die schaf­fende Arbeit das vor­wärts­trei­bende Ele­ment der Geschichte ist, weil Arbeit uns mehr bedeu­tet als Besitz, Bil­dung, Niveau und bür­ger­li­che Her­kunft.“

Klingt das nicht recht schön? Die von Goeb­bels in der frü­hen Schrift noch ver­spro­che­nen Ver­staat­li­chun­gen blie­ben aller­dings spä­ter aus. Man erkennt erst im Rück­blick, wohin der Weg wirk­lich führte: zu „Arbeit macht frei“. Denn eine gleich­ge­schal­tete deut­sche Volks­ge­mein­schaft lässt sich nur durch den Aus­schluss der undeut­schen Ele­mente her­stel­len. Für Goeb­bels waren das zunächst die „jüdi­sche[n] Arbei­ter­ver­rä­ter“ der kom­mu­nis­ti­schen und sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­teien, für PEGIDA beginnt die Linke schon bei der CDU, dem­ge­mäß sind alle Poli­ti­ker „Volks­ver­rä­ter“. Wei­ter­hin aus­zu­schlie­ßen sind alle anders­den­ken­den Jour­na­lis­ten, die bei PEGIDA als „Lügen­presse“, bei Goeb­bels als Juden­presse ver­ur­teilt wer­den: „Sei kein Radau­an­ti­se­mit, aber hüte dich vor dem Ber­li­ner Tage­blatt.“ Am wich­tigs­ten für die Volks­ge­mein­schaft aller­dings ist die eth­ni­sche Rein­heit. Gegen eine „Umvol­kung“, wie sie von PEGIDA bekämpft wird, wehrte sich schon Goeb­bels:

„Die Natur will nicht die Ein­heit, son­dern die Man­nig­fal­tig­keit. Sie will nicht die Mensch­heit als Ein­heits­brei, son­dern die Mensch­heit als Zusam­men­set­zung der ver­schie­dens­ten Völ­ker und Ras­sen, unter denen sich der Stärkste immer vor dem Schwa­chen behaup­ten wird.“

Hier lässt sich der wich­tigste Unter­schied zwi­schen PEGIDA und der NSDAP fest­stel­len. Für die Nazis waren es vor allem die Juden, die „unschäd­lich“ (Goeb­bels) gemacht wer­den soll­ten. Bei PEGIDA spielt der Anti­se­mi­tis­mus – zumin­dest an der Ober­flä­che – keine zen­trale Rolle, statt­des­sen sind es vor allem Mus­lime, aber natür­lich auch „Aus­län­der“ über­haupt, die als „Inva­so­ren“ zur Bedro­hung des deut­schen Vol­kes erklärt wer­den. Offi­zi­ell ist daran nichts ras­sis­tisch, weil es angeb­lich nicht um Rasse, son­dern nur um „Kul­tur“ geht – aber um das zu glau­ben, braucht man schon ein über­mensch­li­ches Maß an Nai­vi­tät.
Wei­tere Über­ein­stim­mun­gen zei­gen sich in der Tak­tik. PEGIDA offen­bart immer wie­der jene Ver­ach­tung der demo­kra­ti­schen Insti­tu­tio­nen, die auch die NSDAP aus­zeich­nete. Man will nicht Mit­spra­che, man will die ganze Macht, denn man reprä­sen­tiert ja auch das ganze Volk. Das schließt frei­lich nicht aus, dass man aus tak­ti­schen Grün­den zunächst erst ein­mal eine Par­tei grün­den muss. Hören wir noch ein­mal Dr. Goeb­bels:

„Wir aber pfei­fen auf Stim­men­zahl und Par­la­ment. Wir wol­len nicht nur für unser Pro­gramm im Reichs­tag „ein­tre­ten“, son­dern wir wol­len es durch­füh­ren. Darin unter­schei­den wir uns von allen ande­ren Par­teien. Die ande­ren tre­ten ein, reden, debat­tie­ren, stim­men ab, las­sen sich Diä­ten aus­zah­len. Wir aber han­deln. Wir schaf­fen uns die Macht­gruppe, mit der wir ein­mal die­sen Staat erobern kön­nen, und wer­den dann rück­sichts­los und bru­tal mit dem Macht­wil­len des Staa­tes unse­ren Wil­len und unser Pro­gramm durch­set­zen.“

Wer noch immer glaubt, die Deut­schen hät­ten nicht ahnen kön­nen, was mit den Nazis auf sie zukommt, wird durch die Schrift von Joseph Goeb­bels eines Bes­se­ren belehrt. Er sagt’s ganz offen. Ihm war es sogar scheiß­egal, ob denn nun wirk­lich eine Mehr­heit der Deut­schen von der NSDAP über­zeugt würde:

„Wir wol­len Deutsch­land frei machen, wei­ter nichts. Ist das deut­sche Volk nicht damit ein­ver­stan­den, daß es frei­ge­macht wird, dann pfei­fen wir auf die­ses Ein­ver­ständ­nis. Ein gro­ßer Teil des deut­schen Vol­kes ist ja heute schon so mate­ria­lis­tisch und so feige gewor­den, daß er nur gegen sei­nen Wil­len und mit Gewalt glück­lich zu machen ist.“

Das Hadern mit den Mit­bür­gern ist auch bei PEGIDA oft zu hören, denn das Volk ist ein­fach nicht so, wie Lutz Bach­mann sich das „Volk“ wünscht. Um zu erklä­ren, warum PEGIDA dabei ver­sagt, die Mehr­heit der Deut­schen zu über­zeu­gen, muss man dann zu Ver­schwö­rungs­wahn­ideen grei­fen: Die Geg­ner sind alle „bezahlte Knechte“ (Goeb­bels).

Wie die NSDAP, so greift auch PEGIDA zum Mit­tel des Stra­ßen­ter­rors. Zwar dis­tan­ziert sich offi­zi­ell Lutz Bach­mann von Gewalt, ent­schul­digt sie jedoch im glei­chen Atem­zug als ver­ständ­li­che Reak­tion auf die herr­schende Unter­drü­ckung, also gleich­sam „völ­ki­sche Selbst­ver­tei­di­gung“ (Goeb­bels). Lei­der brül­len die nicht allzu hel­len Ran­da­lie­rer vor den Flücht­lings­hei­men sehr geübt das „Wir sind das Volk!“ und geben sich dadurch auch recht ein­deu­tig zu erken­nen. Joseph Goeb­bels war auch hier noch etwas ehr­li­cher:

„Wir wol­len Recht für das deut­sche Volk. Da man uns die­ses Recht nicht im Guten gibt, for­dern wir es mit der Bru­ta­li­tät der Faust.“

Es wäre ein Irr­tum zu glau­ben, die Stra­ßen­ge­walt dis­kre­di­tiere PEGIDA und schade so der Bewe­gung. Wie Han­nah Arendt erkannte, nützt offe­ner Ter­ror jeder faschis­ti­schen Bewe­gung, denn dem einen Teil der Bevöl­ke­rung impo­niert sie, den ande­ren Teil schüch­tert sie ein. Dass in Deutsch­land gerade „die Stim­mung kippt“, hängt gewiss mit der Mischung aus Furcht und Respekt zusam­men, mit der viele Bun­des­bür­ger PEGIDA betrach­ten. Von Han­nah Arendt stammt auch die Beob­ach­tung, dass man faschis­ti­sche Füh­rer beim Wort neh­men muss, denn sie ver­schwei­gen ihre Pläne nicht, son­dern spre­chen sie offen aus, um zu erschre­cken und zu beein­dru­cken. Wenn Lutz Bach­mann also ankün­digt, kein „Volks­ver­rä­ter“ werde „unge­scho­ren“ davon­kom­men, jeder die „Quit­tung für sei­nen Vater­lands­ver­rat“ erhal­ten, wie es dann auch ein sym­bo­li­scher Gal­gen bei der Mon­tags­de­mons­tra­tionbezeugt – dann sollte man diese Worte und Ges­ten sehr ernst neh­men.


Han­nah Arendt: Ele­mente und Ursprünge tota­ler Herr­schaft. Anti­se­mi­tis­mus, Impe­ria­lis­mus, totale Herr­schaft. Mün­chen: Piper, 17. Aufl. der ungek. Taschen­buch­aus­gabe 2014 [zuerst 1951]

Joseph Goeb­bels: „Der Nazi-Sozi“. Fra­gen und Ant­wor­ten für den Natio­nal­so­zia­lis­ten. Elber­feld: Ver­lag der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Briefe, [zuerst 1927], 2. Aufl. 1932








Verständnis? Wofür?
Verständnis aufbringen für die Ängste und Sorgen der Bürger in Deutschland. Keine Talkshow mehr ohne diesen Satz, keine Diskussion am Stammtisch und keine Debatte im Bundestag. Verständnis VON oder Verständnis FÜR? Es ist der kleine semantische Unterschied, der den Analysten vom Aktivisten unterscheidet. Den, der Stimmungen deutet von dem, der Stimmung macht. Ja, auch ich verstehe, dass es Ängste vor Flüchtlingen gibt und woher diese Ängste kommen. Nur, mit Verlaub, ich habe kein Verständnis dafür.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen Angst haben vor einer "Islamisierung des Abendlandes", wo der Anteil der Muslime im europäischen „Abendland“ gerade mal 4 % ausmacht, und auch dann nur auf 5 % anwachsen würde, wenn sämtliche syrischen Flüchtlinge auf einmal nach Europa kämen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass Menschen in diesem Land davor Angst haben, dass 2, 3 oder 5 Millionen Flüchtlinge uns unserer Lebensgrundlage berauben. In einem Land, das gerade Milliarden Überschüsse erwirtschaftet und dabei von der Armut der Länder profitiert, aus denen viele Flüchtlinge zu uns kommen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass besorgte Bürger Angst davor haben, dass unsere Verfassungswerte in Gefahr geraten, wo doch die Gleichen, die das befürchten, sofort dazu bereit sind, Artikel 1 des Grundgesetzes zu opfern, wenn es um eine menschenwürdige Behandlung von Flüchtlingen in diesem Land geht.
Nein, ich habe keinerlei Verständnis für diese Ängste – und schon gar nicht dafür, dass Politiker Verständnis für solche Ängste heucheln und dabei nichts anderes tun, als diese Ängste jeden Tag aufs Neue anzufachen.
Georg Restle





"An der Grenze angelangt" soll Deutschland sein. Wenn das so wäre: Armes Deutschland! Das Problem ist die Definition dessen, was wir als "Grenze" und "Belastbarkeit" ansehen. Die Grenze wird offenbar da gezogen, wo unser eigenes Alltagsleben tangiert ist. Also: Flüchtlinge so lange, bis ich mich einschränken muss. Was für eine erbärmliche Definition des "Möglichen", was für eine peinliche Vision!





Klartext

https://medium.com/@dingler_g4/an-euch-besorgte-b%C3%BCrger-f00844ea6c53


18.07.2015

Seid endlich still

Von Berg, Stefan

Ein Brief an die Menschen in Freital, die keine Flüchtlinge aufnehmen möchten Von Stefan Berg

Liebe vergessliche Menschen aus Freital, es ist unangenehm, daran erinnern zu müssen. Aber es scheint wohl nötig zu sein, jetzt, da ihr schreit und andere Menschen, die in Not sind und bei euch in Sachsen Zuflucht suchen, als Pack bezeichnet, sie beschimpft und euch ganz ungeniert fotografieren lasst mit dem Transparent: KEIN ORT ZUM FLÜCHTEN.
Es ist unangenehm, aber es muss sein.
Wie sah Freital eigentlich 1989 aus, wie eure Nachbarorte Meißen und Dresden? Es waren Städte zum Davonlaufen. Sie waren grau, kaputt und scheinbar ohne Zukunft. Es gibt noch Bilder davon. Wenn ich sie mir ansehe, dann weiß ich wieder, wie es gerochen hat damals. Meine Zunge ist wieder belegt, meine Stimmung getrübt. Es ist nicht verkehrt, diese Bilder ab und zu einmal herauszuholen, aus der Schublade oder dem Gedächtnis. Viele Menschen sind damals davongelaufen, aus diesen Städten. In den Schaufenstern der Läden standen manchmal Schilder: Heute keine Ware. Das war kein Witz.
Einige haben ihr Leben riskiert, um abzuhauen. Sie sind rüber über die Mauer gen Westen oder haben Anträge gestellt, Ausreiseanträge, und endlos gewartet. Andere sind gen Osten, nach Prag, auf das Botschaftsgelände der Bundesrepublik Deutschland. Es war eine Abstimmung mit den Füßen. Die Menschen riefen: Freiheit. Und sie wollten auch Freiheit. Aber es ging, glaube ich, auch ein bisschen um Wohlstand. Oder?
Sie hatten Glück, sie wurden nicht zurückgeschickt, nicht abgeschoben, sie mussten keine Anträge zur Einreise stellen und keine Asylanträge. Sie wurden nicht nur geduldet. Sie wurden von Menschen als Menschen, von Deutschen als Deutsche aufgenommen, und ihnen wurde geholfen. Ich erinnere mich nicht, dass Leute aus Städten, in denen DDR-Flüchtlinge aufgenommen wurden, auf die Straße gingen und schrien: KEIN PLATZ FÜR OSSIS.
Und es ging nicht allen Westdeutschen glänzend, und manch einer wird gedacht haben: Die kriegen jetzt alles hinterhergeworfen. Aber ich habe keinen das in die Kamera rufen hören.
Es ist unangenehm, daran erinnern zu müssen, aber ich darf das, ich stamme auch aus diesem Staat, der zusammenbrach, so wie heute Staaten zusammenbrechen, aus denen Menschen davonlaufen oder davonschwimmen. Reisefreiheit haben die Menschen sich 1989 gewünscht, in Freital bestimmt auch. Gemeint war die Freiheit zur Ausreise. Aber Ausreisefreiheit ohne die Freiheit, woanders einreisen zu dürfen, ist nicht viel wert. Ihr wolltet die Mauer weghaben. Und jetzt? Wollt ihr sie wieder zurück?
Als die Mauer aufgerissen wurde, 1989, da gab es Begrüßungsgeld für jeden. Es gab keine Prüfung, keinen Test. Vielleicht wäre es besser gewesen, jeder hätte wenigstens einen Satz zur Probe sagen oder auswendig lernen müssen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es in unserer Verfassung. Musstet ihr nicht, mussten wir nicht. Und bestimmt haben damals Leute im Westen gedacht. Begrüßungsgeld? Na, was denn noch alles für die Ossis. Aber ich habe keinen blöken hören, so wie ihr jetzt blökt, in eurem Freital, das nun nicht mehr grau ist und in dem nicht mehr der Putz von den Wänden fällt und wo kein Schild mehr steht: Heute keine Ware. Habt ihr, die ihr jetzt rumschreit, einmal nachgedacht, wieso es in eurer Stadt heute so schön ist und in Meißen und in Dresden, so schön, dass ihr denkt, ihr müsstet da etwas verteidigen?
Uns wurde geholfen. Anderswo haben Leute für uns verzichtet, waren bereit, Geld zu geben. Gut, sie wurden auch ein wenig überrumpelt, gezwungen, sie haben den Solidaritätszuschlag nicht mit Begeisterung gezahlt, aber sie haben. Und den Länderfinanzausgleich und den Solidarpakt. Einige im Westen und im Südwesten mosern deshalb, ihnen reicht es jetzt, aber das Geld fließt weiter. Ich bin immer dagegen, das alles vorzurechnen oder sich vorrechnen zu lassen. Denn das ist eben Solidarität, dass einer, der mehr hat, dem abgibt, der weniger hat. Man macht kein Gewese darum. Niemand konnte etwas dafür, hinter der Mauer eingesperrt gewesen zu sein. Die Hilfe heute ist auch eine Entschädigung für das, was gestern war.
Man muss dafür nicht jeden Tag Danke sagen. Aber kann man es vergessen?
Euch, die ihr nicht einmal danach fragt, wieso andere Menschen ihr Land verlassen, ihr Leben riskieren, die ihr so ohne jedes Gefühl zu sein scheint – euch muss man daran erinnern, was ihr, was wir für ein verdammtes Glück hatten und haben. Wenn ihr in die Augen der Flüchtlinge seht, dann müsstet ihr ein wenig wiedererkennen von eurem Leben. Wenn ihr ihre Geschichten hört, müsste euch einiges wenigstens etwas bekannt vorkommen. Dabei war das Land, aus dem damals viele wegliefen, die DDR, ein Paradies gegen Somalia oder Syrien.
Ihr Bürger von Freital, die ihr das nicht vergessen habt, redet euren Nachbarn ins Gewissen. Zeigt ihnen noch einmal die Bilder, Freital 1989 oder Dresden oder Leipzig 1989. "Kommt die D-Mark nicht hierher, gehen wir zu ihr", haben viele damals gerufen. Es war eine Drohung. Die D-Mark kam.
Und ihr, die ihr alles vergessen habt, schaut euch um, in eurer Stadt, in unserem Land. Und schaut euch an, wie es in Damaskus aussieht oder in Bagdad. Ruinenstädte, in die der Wohlstand nicht kommen wird und aus denen die Menschen nun in Richtung Wohlstand fliehen, in der Hoffnung auf ein Leben ohne das Gedröhn von Panzern, Raketen, Bomben. Seht euch diese Bilder des Jahres 2015 an, und seid endlich einmal still. Und dann überlegt, wie es gewesen wäre, hätte man uns und euch so behandelt, wie ihr jetzt jene behandelt, die nicht mehr wollen als eine kleine Chance, ihrem beschissenen Elend zu entkommen.


DER SPIEGEL 30/2015







Der Text meines Mannes, zu den Bildern unseres gestrigen Traiskirchen-Besuchs. Danke, dass du die Worte findest, die mir fehlen, Reitmayer. 

Traiskirchen ist ein kleines Kaff 20 Kilometer von Wien entfernt, gleich hinter der Shopping City Süd, nicht sehr auffällig oder bemerkenswert, in keinerlei Hinsicht. An diesem Sonntag wirkt es besonders verschlafen, brav, bieder, sauber. Gleich nach der Ortseinfahrt ist eine Tankstelle, ein paar Gasthäuser, wie in jeder x-beliebige Kleinstadt irgendwo am Land. Es ist sauber, sehr sauber.
Ein paar hundert Meter mit dem Auto durch die Gassen und man sieht die ersten Flüchtlinge in kleinen Gruppen herumspazieren. Niemand ist laut, im Gegenteil, es herrscht eine Mischung aus Höflichkeit und Lethargie. Langweile kann so unglaublich an den Nerven zehren. Einmal noch um die Ecke fahren, und dann kommt der erste Schock wie ein Faustschlag: Menschen sitzen in der prallen Hitze am Gehsteig mit ein, zwei Plastiksackerln und dem was sie am Leib tragen. Ich merke, wie es mir den Hals zuschnürt und die Tränen aufsteigen, aber ich beherrsche mich, kann und muss mich beherrschen. Hier geht es nicht um meine Befindlichkeit, ich bin wegen etwas anderem hier. Wir parken uns ein, steigen aus, öffnen den Kofferraum und sofort bildet sich eine aufgeregte Menschentraube um uns. Niemand wirkt gefährlich oder bedrohlich, niemand ist laut. Mir kommt der Gedanke, daß ich mir in der U-Bahn mehr Sorgen um meine Schlüssel und meine Geldbörse mache als hier, bei den angeblich so „gefährlichen“ Menschen. Wir laden Kiste um Kiste und Tasche um Tasche aus und sofort sind helfende Hände da, packen mit an, geben alles durch und stellen unsere gesammelten Spenden ein paar Meter weiter ab um durchzuschauen was es da geben könnte. Jemand fragt nach Wasser, ich hab ein Sechsertragl Mineralwasser in der Hand und will es ihm geben. „No, only one. Only for me.“ winkt er ab. Jemand nimmt die große Tabakdose und die Zigarettenhüllen an sich. Als leidenschaftlicher Raucher weiß ich, wie sehr schon eine einzige Tschik bei Langeweile helfen kann. Zigaretten und Tabak sind im Häfn eine sehr harte Währung, hier wird geteilt, niemand hortet und bunkert etwas. Eine Frau aus Somalia wühlt in einer Kiste mit Kleidung, findet eine kleine Spielzeugeidechse aus Plastik und erschrickt kurz. Ich muss lachen. Sie auch. Sie strahlt mich an. Wir können kein Wort wechseln, aber wir verstehen uns. Am Rücksitz im Auto liegt ein Plastiksackerl aus dem Stofftiere rausschauen. Ein kleiner Bub stupst mich schüchtern an und zeigt drauf, ich geb ihm eines. Er schüttelt den Kopf und zeigt auf das Stofftier daneben. Das möchte er. Er bekommt es und strahlt mich glücklich an. In diesem Moment realisiere ich zum erstenmal so richtig, wo ich bin. Ich möchte ihn am liebsten hochnehmen. Ich denke dran, daß ich 2 komplette Skateboards habe und nicht mal mehr mit einem davon richtig fahre. Ich würde ihm so gern das Skaten beibringen, aber ich weiß daß das nie passieren wird.
Nachdem sich der erste Ansturm gelegt hat, gehe ich ein paar Schritte und kämpfe mit den Tränen. Ein junger Mann aus Afghanistan fragt mich nach meinem Namen und meiner Herkunft. „Ah, Austria, very good“ sagt er in gebrochenem Englisch. Nein, nicht so, denke ich mir. Austria ist nur very good für die, die auf der richtigen Seite des Zauns geboren sind. Austria ist very good zu mir, weil ich mich nicht entscheiden muß ob ich mich bei der Schlange bei der Essensausgabe anstelle oder bei der beim Arzt. Ich kann beides haben, rund um die Uhr. Meine Frau und ich unterhalten uns mit einer somalischen Mutter und ihrer kleinen Tochter. Das Mädchen ist vielleicht 3, 4 Jahre alt und sieht wesentlich jünger aus. Sie beherrscht perfektes Englisch und strahlt wie eine Prinzessin, weil sie rosafarbene Kinderkleidung von uns bekommt. Ich mache eine Foto und sie grinst schelmisch, als sie sich selbst am Display sieht. Meine Frau schenkt der Mutter ihre Sonnenbrille. Ich liebe sie gleich noch mehr dafür, und gleichzeitig schäme ich mich ein kleines bisschen, daß ich meine nicht auch hergebe. Ich kann es einfach nicht. Ich will nicht, daß diese Menschen dort mich beim Weinen sehen. Das ist so ziemlich das allerletzte, daß sie nötig haben. Ich bin nur ein paar Stunden dort, ich kann nachher wieder nach Hause, in ein Bett, in eine Badewanne, zu einem vollen Kühlschrank. Reiss dich zamm, Reitmayer, es geht hier nicht um dich. Es fällt auf, wie viele Kinder im Lager sind. Viele Kinder, so richtig VIELE Kinder. Eine afghanische Familie hat ein entzückendes Kind mit 4 Monaten. Der Vater beherrscht gerade mal rudimentäres Deutsch, wir können uns aber verständigen. Die Mutter wirkt apathisch, depressiv, erledigt. Ich bin hin- und hergerissen zwischen extremen Emotionen: auf der einen Seite diese tiefe, ehrliche, echte Freude der Flüchtlinge über jede Kleinigkeit und über jedes Lächeln, auf der anderen gnadenlose Wut auf dieses ekelhafte Rassistenpack, daß tagtäglich gebetsmühlenartig immer wieder die gleichen abscheulichen Lügen verbreitet: es kommen nur junge Männer nach Österreich, es sind alles Wirtschaftsflüchtlinge, jeder hat alles, Markenkleidung und Smartphones. Nichts davon stimmt, kein einziges Wort.
Ich sehe ein Dead Kennedys-Shirt und muss grinsen. Ein anderer Mann trägt ein Shirt auf dem „Gspusi“ steht, wieder ein anderer eines mit einem Lebkuchenherz. Ich ertappe mich beim Gedanken, daß ich froh bin, daß viele noch nicht Deutsch können. Die tägliche Hetze und der Wohlstandshass muss einfach unerträglich sein. Hier sind Menschen, die mit dem nackten Leben davongekommen sind. Niemand nimmt eine „Reise“ ins Ungewisse auf sich, wenn er nicht muß – wobei, mit Reise verbinde ich Urlaub und Komfort. Eine Reise ist für mich etwas, von dem ich wieder nach Hause kommen kann. Diese Menschen haben kein Zuhause mehr: in ihrem Heimatland herrscht Krieg, hier will sie niemand. Man kann nur warten und die Langeweile töten. Warten auf... ja, worauf eigentlich? Es gibt kein Ziel. Es gibt keine Hoffnung, nicht mal den geringsten Lichtblick, keine Möglichkeit daß es irgendwann, irgendwo einmal besser wird. Wir fahren ein Stück weiter, vorbei an der Sicherheitsakademie mit ihren Zäunen und bewaffneten Posten, nur ein paar hundert Meter. An der Rückseite des Lagers wieder das gleiche Bild: Wasser bitte. Jemand verteilt Spinatschnecken, kaum wer greift zu. „Halal?“ - „Halal!“ - Dann ist der Karton auch schon leer. Es heisst, daß Religion den Menschen in der Not hilft. Ich sehe im Lager kaum Frauen mit Kopftüchern, und wenn, dann sind sie aus Somalia und tragen ihr Kopftuch als Schutz gegen die Hitze und weil sie es eben immer tragen. Ich sehe kaum bärtige Männer. Es gibt hier keine „Schläfer“, es gibt keine schrecklichen blutdurstigen Muselmanen; diese Leute sind GENAU DAVOR geflohen.
Wir haben noch einen Arm voll Kinderkleidung. Ein kleiner Bub kommt auf uns zu - „Baby?“ Ja, das ist für Babies. Er nimmt uns alles ab, springt zurück über den Zaun, beginnt es zu verteilen. Hier hilft jeder jedem. Er kann einen einzigen deutschen Satz: „Meine Kinder schlafen schon.“ Ich muss grinsen und überlege mir, wo er das aufgeschnappt haben könnte, von wem, in welchem Kontext. Ein paar Schritte weiter lehnt ein Mann am Zaun. Auf seinem T-Shirt steht „Mein Lebensstil hat Zukunft.“ In mir kriecht die Wut wieder hoch. Ich hoffe es, aber ich bezweifle es. Im Lager gibt es kaum Schatten, kein Gras, kaum Bäume. Ausserhalb des Lagers liegt kaum Müll, obwohl es nur einen einzige Mistkübel gibt. Der ist voll, geht fast über, aber daneben liegt kaum etwas. Es ist sehr sauber in Traiskirchen. Auf jedem Festival gibt es mehr Müll, und das bei fast 4000 Menschen. Auf jedem Festival gibt es allerdings auch saubere Klos, ausreichend Duschen, ärztliche Versorgung, Zelte mit Boden dafür aber ohne Löcher, Essen, Wasser. Hier nicht. Hier gibt es nicht mal Privatsphäre. Hier werden Menschen systematisch ihrer Grundrechte beraubt. Viele Leute dürfen nicht ins Lager weil sie einen Termin verpasst haben – weil sie es nicht wussten. Weil sie die Sprache/n nicht verstehen, in denen mit ihnen von oben herab kommuniziert wird. Diese Menschen fallen aus der Grundversorgung. Das klingt so simpel, so bürokratisch, und genau so ist es auch: one strike, you're out. Keine Grundversorgung bedeutet: kein Klo. Kein Schlafplatz. Kein Arzt. Kein Wasser. Kein Essen. Kein Geld. Nichts. Einfach nichts. Du bist hier nicht erwünscht, das ist die Botschaft die vermittelt werden soll. Es ist uns scheissegal, ob du auf der Strasse verreckst oder nicht, aber wenn du es tust, dann bitte still und leise und dort, wo dich niemand sieht. Ein kleiner Bub steht auf der Mauer und wird verbal und physisch aufs Gröbste vom Wachpersonal weggestampert. Privates Wachpersonal wohlgemerkt, nicht etwa staatliche Organe. Privates Wachpersonal heisst in diesem Fall: es ist das gleiche Gesindel, das sogar zu dumm für die Polizei ist, es ist das Gesindel, das uns nicht in Clubs reinlassen will. Nur: wir haben die Wahl. Die Menschen in Traiskirchen haben nicht mal eine Wahl.
Wir fahren im klimatisierten Auto wieder zurück zum anderen Ende des Lagers. Dort, wo wir angekommen sind, hat sich auf einmal eine große Menschenmenge gebildet. Es wird getrommelt, es wird gesungen, es wird getanzt. Jemand hat Musikinstrumente mitgebracht, und die Freude ist im wahrsten Sinn des Wortes unbeschreiblich. Ein junger Mann aus Afghanistan grinst mich an: „Would you like to dance with me?“ - „I am sorry, I don't dance.“ Ich tanze tatsächlich nicht, ich habe es noch niemals wirklich getan, ich mag es einfach nicht. Tanzende Menschen schauen meistens Scheisse aus. Mein Gehirn schaltet die Autokorrektur ein und bessert meinen Gedanken aus: tanzende Österreicher schauen einfach Scheisse aus. Hier feiern Menschen aus dem Irak, aus Syrien, aus Afghanistan, aus Somalia gemeinsam. Keiner ist zu „cool“ dafür. Dann kommt die Polizei mit einem Wagen aus der Sicherheitsakademie nebenan. Bedrohlich. Martialisch. Sie könnten vorbeifahren, wenn sie es nur wollten. Aber nein, sie wollen mitten durch. Sie müssen eben warten. Türen werden mal sicherheitshalber geöffnet, der Ton wird strenger. Ein junger Mann aus Afghanistan teilt die Leute ruckzuck in zwei Gruppen ein, du gehst dort hin, du da. Die Bullen können endlich durchfahren. Es wird frenetisch und höhnisch applaudiert. Niemand mag die Kiwarei, an keinem Ort der Welt. Nicht einmal 10 Minuten später das gleiche Spiel mit einer Zivilstreife. Und keine weiteren 10 Minuten später nochmal. Diesmal ist es ein Privatauto, mit „sowieso HEIL irgendwas“ als Wunschkennzeichen. Mit einem FPÖ-Feuerzeug am Armaturenbrett. Mit einem Polizeihundestaffel-Aufkleber am Auto.
Das ist Österreich 2015. Ein Land, in dem eine Privatfirma ein Flüchtlingslager leitet. Ein Land, in dem es für 4000 Menschen keine ausreichende medizinische Versorgung gibt. Ein reiches westeuropäisches Land, in dem auf Weisung des Innenministeriums Ärzte ohne Grenzen nicht ins Lager gelassen werden. Ein Land, das darauf zählt, daß Privatpersonen sich schon irgendwie drum kümmern werden, weil der Staat seinen ureigensten Aufgaben nicht nachkommen will – nicht einmal aus Fahrlässigkeit, sondern mit vollster Absicht, mit Kalkül. Ein Land, in dem vor lauter Hass und Neid und Niedertracht und Unmenschlichkeit am dem Rücken der Ärmsten politisches Kleingeld gemacht wird. Ein Land das signalisiert: wir wollen euch nicht. Ihr seid nichts. Ihr seid weniger wert als Hunde. Gleichzeitig kommt der Gedanke hoch: was wäre, wenn in diesem Areal tatsächlich 4000 Hunde untergebracht wären? Dann gäbe es Tumulte mit Fackeln und Mistgabeln. Die Viecherln sind dem Österreicher halt doch näher als der Tschusch.
Ich hab immer noch nicht geweint. Ich kann es einfach nicht. Die Zeit der Kerzerlmärsche ist vorbei.

(Judith Moser/Thomas Reitmayer)

Darum

https://zoebeck.wordpress.com/2015/08/15/flucht/


Ein Blogger gibt auf, weil er und seine Familie massiv bedroht wurden. Die Erklärung von Heinrich Schmitz, Ex-Kolumnist von The European und ehemaliges Mitglied der Initiative #HeimeOhneHass, im Wortlaut.



In einem der wichtigsten Bücher der Terrorismusforschung, "Eine Geschichte des Terrorismus" schreibt Walter Laqueur über die Täter: "…selbsternannte Retter von Freiheit und Gerechtigkeit, ungeduldige Männer, Fanatiker und Verrückte, die sich vergebens auf das Recht zur Selbstverteidigung berufen und das Schwert […] als Heilmittel gegen alles echte oder eingebildete Böse betrachten." Sascha Lobo



Schön beschrieben und auf den Punkt gebracht, dieses ABER:


"Es ist die Weiche, die Emotionen wie Mitgefühl umlenken auf jenes Böse, bei dem man seine ganze Abscheu und Ablehnung abladen kann. Im Unterschied zur direkten Beschimpfung, wo man selbst als böser Mensch dasteht, erlaubt das kleine Aber, die Fassade des guten Menschen aufrechtzuerhalten, während die eigenen Aggressionen dennoch die Bühne betreten. Sozusagen erlaubterweise. Es ist unser Schlepper: Es transportiert verkappt unsere negativen Gefühle. Dieses Aber ist die Abwehr der Zumutung von Solidarität und Empathie - eine Zumutung, die uns die Flüchtlingssituation heute abverlangt. Es ist die Abwehr der Verpflichtung, ein guter Mensch zu sein."





Wie viele hier verfolge auch ich die Debatten über Flüchtlinge in Deutschland und lese alle diese Kommentare. Ich habe daher die letzten Tage etwas "recherchiert" und vielleicht mag der eine oder andere an meinen Antworten teil haben:
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Der Verbreitungsgrad dieses Posts ist mittlerweile ziemlich erschreckend (war eigentlich nur für meine Freunde gedacht).
Ich freue mich zwar über das Lob aber ich muss doch richtig stellen, dass dieser Text nicht gut recherchiert ist ! Ich hab einfach Google angeschmissen um meine Sicht zu untermauern und zu zeigen wie leicht man plumpe Aussagen aushebeln kann. Ich hab die Weisheit bestimmt nicht mit Löffeln gefressen (vielleicht führt auch diese Diskussion zu der einen oder anderen veränderten Einschätzung bei mir) aber eins weiß ich - auch kein anderer hat hier "die Wahrheit".
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1. Frage/Statement:
Warum helfen wir denn nicht lieber Deutschen Obdachlosen ?
Antwort a):
Es ist ein ganz billiger Trick zwei hilfsbedürftige Gruppen gegeneinander auszuspielen. Niemand der Flüchtlingen helfen will hat was gegen Obdachlosenhilfe. Das ist genauso also ob man einem Feuerwehrmann vorwirft, dass er seine Zeit mit Feuer löschen verschwendet anstatt als Rettungssanitäter zu arbeiten ! Wahlweise kann man hier Obdachlose gegen Rentner oder Kinder ersetzen.
Antwort b):
Erstmal sind hier wohl die gemeint, die auf der Straße leben und nicht die, die vom Staat Wohnraum gestellt bekommen (das ist bei den meisten Wohnungslosen der Fall). Es gibt in Deutschland etwa 20.000 Menschen(*1) die auf der Straße leben. Die meisten leben dort, weil sie durch weitergehende Probleme (Drogen, Alkohol, etc.) nicht in Maßnahmen vermittelt werden können(*2). Geld oder mangelnde Zuwendung vom Staat sind hier nicht das Hauptproblem - diese Schicksale sind viel komplexer. (Zugegebenermaßen - mach ich es mir hier etwas leicht - aber eine detaillierte Betrachtung scheint mir erstmal für diese Zwecke nicht nötig)
2. Frage / Statement:
Deutschland hat 2.1 Billionen € Schulden, wir sollten das Geld lieber für Deutsche ausgeben und unsere Schulden abbezahlen.
Antwort a):
Erstmal ein paar Eckdaten: Bund, Länder und Gemeinden haben im Jahr etwa 680 Milliarden Euro Steuereinnahmen (*3,*4). Alleine vom Bundeshaushalt 2015 (302 Milliarden gesamt) geben wir 125 Milliarden für Arbeit und Soziales aus, das entspricht 42% (*5). Zur Tilgung der Staatsschuld zahlt der Bund jährlich etwa 25 Milliarden (*5). Die Ausgaben von Bund, Ländern und Kommunen für Asylbewerber liegen 2015 prognostiziert bei 4-5 Milliarden (*6), das entspricht 0,6% der Steuereinnahmen.
Mal als Vergleich: die Deutschen geben im Jahr 15 Milliarden für Süßigkeiten aus (*7)...
Kosten für Flüchtlinge sind für unseren Staatshaushalt und die finanziellen Mittel der Deutschen ein nicht wirklich relevanter Posten aber nun mal auch keine Peanuts - daher sollten wir die Mittel möglichst effektiv einsetzen.
Antwort b):
Der Staat kann nicht einfach Schulden ab bezahlen. Staatsschulden entstehen durch Staatsanleihen mit einer definierten Laufzeit. Selbst wenn wir die 4 Milliarden für Flüchtlinge einsparen würden, könnten wir sie nicht in die Schuldentilgung stecken. Alternativ könnte man die Steuern senken. Eine 4-Köpfige Familie zahlt im Jahr durchschnittlich 30.000€ Steuern (*8). Könnte also pro Person pro Monat 3,66€ sparen.
Mal als Vergleich: Würde es keine Schwarzarbeit in Deutschland geben, könnte für jeden der 42 Mio Erwerbstätigen (*9) die Steuer im Monat um 129,-€ (bzw. ~64,50€ pro Einwohner um vergleichbar zu bleiben) gesenkt werden (*10). Wenn es ums Sparen geht, hätte ich da also andere Prioritäten anzubieten.
3. Frage / Statement:
Im Umkreis von Asylantenwohnheimen gibt es Kriminalität und Probleme.
Antwort a):
Es gibt keine belastbaren Zahlen und Statistiken zu diesem Thema. Die Kriminalstatistik unterscheidet nur zwischen Ausländern und Deutschen. Weiterhin werden bei den im Umlauf befindlichen Schätzungen über Asylbewerber auch Verletzungen des Ausländer- und Asylrechts
(den zugewiesenen Bezirk verlassen, etc.), sowie Marihuana in den Einrichtungen u.Ä. mitgezählt. Diese haben keine Auswirkung auf die Nachbarschaft. Es ist nicht rosa-rot aber wer sagt, er wüsste das es generell untragbar schlecht ist, der führt mit Vorsatz in die Irre. Hier mag es pro Region unterschiedliche Wahrheiten geben - aber wäre es nichts schlau zu betrachten, warum es an einigen Standorten besser läuft und zu versuchen dies auf Problemstandorte zu adaptieren ?
Antwort b):
Klar ist, wenn man eine größere Anzahl von Menschen (überdurchschnittlich viele Junge Männer) über Monate bis hin zu Jahren auf engen Raum in Behelfsunterkünften unterbringt und ihnen arbeiten nicht erlaubt ist, sogar ehrenamtliche Tätigkeiten sind wegen der Versicherung ein Problem, kombiniert mit zum Teil traumatischen Biografien, dann sind einige Probleme vorprogrammiert. Der Fehler liegt hier nicht am schlechten Charakter der Asylbewerber, sondern an den
langen Zeiten bis zur Entscheidung über den Asylantrag und den schwierigen Unterkünften. Jetzt kann man sogleich in die Behördenschelte einsteigen aber auch hier muss man sehen, dass das Deutsche Behördensystem im Grundsatz korruptionsverhindernd aufgebaut ist. Entsprechend komplex und z.T. bürokratisch sind nun mal einige Strukturen. Und wie es endet wenn es nicht so ist, kann man in Griechenland sehen. Dezentral wäre hier eine Lösung aber welcher Kommunalpolitiker tut sich das denn mehrfach an. Klar ist auch, da wo durch die Bürger und Gemeinden kooperiert wird, wo Fußballvereine und andere Institutionen Angebote machen und helfen ist das Problem minimiert - wir sind hier nicht Handlungsunfähig !
Antwort c):
Einzelfälle kann jeder raus picken. Bei 630.000 Asylbewerbern(*12) werden auch Straftaten begangen. Ebenso wie 2014 bei geschätzte 22.000 Rechtsextremisten (*13) etwa 10.000 rechte Straftaten (*14) begangen wurden (auch hier reicht das Spektrum vom versuchten Totschlag bis zu falsche Fahne am falschen Ort aufgehangen). Es gibt auch genauso Fälle wie in Zauche, wo nach der Eröffnung des Asylantenheimes die Straftaten in der Region zurück gingen (*15*). Es macht auch keinen Sinn sich hier gegenseitig Zeitungsberichte von Einzelfällen um die Ohren zu hauen. Schlau wäre es, wenn man Statistiken dazu führen würde, die gezielte Maßnahmen erlauben.

4. Frage / Statement:
Deutschland kann nicht die Welt retten - wir können doch nicht alle aufnehmen.
Antwort a):
Natürlich nicht. Wir können nicht alle aufnehmen. Aber es ist unsere Pflicht so viele wie möglich aufzunehmen und die aktuellen Zahlen kann man so interpretieren, dass wir noch lange nicht an unserer Leistungsgrenze sind (Ergänzung: einige Erstaufnahmestellen sind mit Sicherheit an ihrer Leistungsgrenze oder darüber hinaus, siehe Passau. Hier müssen kurzfristig Lösungen geschaffen werden). 1992 hatten wir mehr als doppelt so viele Anträge. Es ist genauso als ob man mit seinem Boot an Schiffbrüchigen auf dem Meer vorbei fährt und nur weil man nicht alle in sein Boot nehmen kann, lässt man alle absaufen. Man rettet doch so viel man kann und vielleicht auch noch 1-2 mehr !
Antwort b):
Es sind derzeit ca. 51,3 Mio Menschen auf der Flucht (*15), die größte Zahl seit dem zweiten Weltkrieg. Ca 80% bleiben in der jeweiligen Region. Deutschland hat davon 630.000 aufgenommen. Alle freuen sich heimlich oder offen wenn Diktatoren im nahen Osten gestürzt werden und der eine oder andere denkt: „richtig so“, wenn Kriege gegen Irak oder Afghanistan geführt werden.
Das ein derartiger Umbruch ohne erhebliche Auswirkungen für die Zivilbevölkerung bleibt, die auf uns überschwappt liegt auf der Hand.
5. Frage / Statement:
Die meisten sind doch Wirtschaftsflüchtlinge, die kommen doch nur wegen des Geldes hier her.
Antwort a):
die mit Abstand größte Einzelgruppe an Flüchtlinge kommt derzeit aus Syrien (*17). Berechtigt ist aus meiner Sicht eine Diskussion ob man bestimmte Länder als Sicher erklärt, um die gesamte Flüchtlingshilfe effektiver zu gestalten.
Antwort b):
Du schaust wahrscheinlich gerade in ein Mobiltelefon, Tablet oder einen Monitor, der nur aus drei Gründen für dich erschwinglich war: Es/er wurde in einem Land mit erheblich Lohn- und Wohlstandgefälle zusammengebaut, es/er wurde aus Rohstoffen eines Landes mit erheblichen Lohn- und Wohlstandgefälle gefertigt und es/er wurde von günstigen Arbeitern aus einem Land mit erheblichen Lohn- und Wohlstandsgefälle transportiert.
Gleiches gilt aller Wahrscheinlichkeit nach für deine Kleidung, dein Essen, deinen Kühlschrank, deine Waschmaschine, deine Playstation/Xbox, etc...
Demnach profitieren wir alle von dem geringeren Lebensstandard in anderen Ländern aber wenn Menschen vom anderen Ende dieser Kette den Wunsch hegen am Wohlstand teilzuhaben sind sie Schmarotzer. Die Logik dahinter entzieht sich mir und auch hier können wir natürlich nicht alle aufnehmen aber eben soviel wie wir können und ganz nebenbei – wir brauchen Zuwanderung.

6. Frage / Statement:
Jeder der hier Kritik übt wird als Rechter oder Nazi eingestuft.
Antwort a):
Mit Nazi hat das nichts zu tun. Der Nationalsozialismus hatte ganz andere widerwärtige Fassetten. Allerdings macht es einen schon skeptisch, wenn man wie ich im Zufallsprinzip die Facebook Profile vieler dieser Kommentargebenden betrachtet und feststellt, dass dort die Trefferquote für Bilder von aktuellen oder Vorgängern der Deutschen Fahne, interessanten Musikgruppen oder Ähnlichem ziemlich hoch ist - versucht es mal. Wer mit den Wölfen heult, wird unter Umständen aus der Ferne für einen Wolf gehalten.
Genauso wie ich damit Leben muss, dass ich mit meinen Aussagen mit Gruppen in Verbindung gebracht werde, mit denen ich mich nicht verbunden fühle.
Antwort b)
Kritik und Skepsis gegenüber staatlichen Einrichtungen, Medien, der Wirtschaft und im Zweifel auch der eigenen Ehefrau/mann sind erstmal in Ordnung, solange sie im Kern das Ziel einer Lösungsfindung hat. Wenn man nur im Ansatz raus lesen kann, dass da jemand wirklich um die Stabilität im Land und das Schicksal der betroffenen Flüchtlinge besorgt ist, ist diese Person sicherlich ernst zu nehmen. Wer als Ziel seiner Kritik die beste Möglichkeit der Unterstützung für Flüchtlinge sucht und dann als Resultat vielleicht auf eine maximale Anzahl kommt handelt verantwortungsvoll. Wer als Ziel einfach nur möglichst wenig Flüchtlinge aufzunehmen hat und am liebsten keine aufnehmen möchte, der handelt verantwortungslos. Wird einfach nur geschimpft und postuliert es reicht, dann zeugt das nur von mangelndem Vermögen komplexe Sachverhalte zu beurteilen kombiniert mit Angst. Das kann man dem Einzelnen nicht vorwerfen, denn dies hat man sich nicht ausgesucht. Ich werfe es aber denen vor, die den Intellekt besitzen es besser zu analysieren aber diesen dafür einsetzen andere hinter sich zu versammeln und Stimmung zu machen. Dieses Problem (und ja ich glaube diese Steigerung ist ein Problem) löst man nicht mit Stimmungsmache, sondern mit einem kühlen Kopf !
Dieser Text mag Rechtschreibfehler enthalten, wer einen findet darf ihn behalten. Der ein oder andere Zahlenvergleich mag nicht 100%ig sein (viel Text, viel Google, wenig Zeit). Es ändert aber nichts an meiner Gesamtaussage.
Nachtrag:
Dieser Text hat nicht den Anspruch objektiv zu sein oder wissenschaftlich korrekt. Er enthält auch nicht "die Wahrheit". Es ist mein Versuch ein Gegengewicht zu plumpen Aussagen herzustellen und ist eine Sammlung von Argumenten meine Sicht zu untermauern. Ich kann jeden nur bitten ihn nicht als "die Fakten" oder "die Wahrheit" zu verkaufen. Im Idealfall inspiriert er die eigene Denkmurmel anzustrengen und sich selber schlau zu machen.
Wer glaubt in mir einen 100%igen Befürworter der aktuellen Flüchtlingspolitik zu haben ist auch schief gewickelt. Da läuft einiges nicht rund aber es ist bestimmt nicht damit getan die Mauern hoch zu ziehen - das schafft langfristig nur noch viel größere Probleme.
Auch im Bezug auf die Frage, wie man mit der zweit größten Gruppe der Flüchtlinge aus Serbien umgeht (meistens Roma, die dort verfolgt werden) habe ich mir noch keine abschließende Meinung bilden können. Die meisten werden abgelehnt und blockieren damit Kapazitäten, die wir für andere gut gebrauchen könnten. Aber jeden Einzelnen, der hier her kommen will kann ich menschlich verstehen...
Ich wäre froh über eine Debatte, wie wir es besser machen und nicht "ob" oder "ob nicht" - die Frage ist theoretischer Natur. Ich denke wir sind uns alle einige, dass es besser wäre diese Menschen müssten nicht ihre Heimatländer verlassen. Flüchtlingspolitik kann nur versuchen bereits zerbrochenes Porzellan aufzukehren. Die Lösung der Ursachen ist ein ganz anderes Kapitel.
Quellen:
(*1) Anzahl Obdachlose: https://de.wikipedia.org/wiki/Obdachlosigkeit
(*2) Gründe für Obdachlosigkeit: http://www.brandeins.de/…/warum-gibt-es-eigentlich-immer-n…/
(*3) Steuereinnahmen Bund & Länder: https://www.tagesschau.de/wirtscha…/steuereinnahmen-111.html
(*4) Steuereinnahmen Gemeinden: http://de.statista.com/…/steuereinnahmen-der-gemeinden-sei…/(
(*5) Ausgaben Arbeit und Soziales, Schuldentilgung: http://de.statista.com/…/bundeshaushalt-ausgaben-nach-ress…/
(*6) Kosten für Asyl: http://www.zeit.de/…/asylbewerber-einwanderung-kosten-bunde…
(*7) Ausgaben für Süßigkeiten: http://de.statista.com/themen/434/suesswaren/
(*8) Durchsschnittliche Steuern Deutschland: http://www.handelsblatt.com/…/personen-des-j…/7554578-4.html
(*9) Anzahl Erwerbstätige in Deutschland: http://de.statista.com/…/anzahl-der-erwerbstaetigen-mit-wo…/
(*10) Steuerverluste Schwarzarbeit: http://www.focus.de/…/schwarzarbeit-und-auslandskonten-deut…
(*11) Straftaten Ausländer aus Flüchtlingsländern: http://www1.wdr.de/themen/politik/fluechtlinge586.html
(*12) Anzahl Asylanten Deutschland: http://www.spiegel.de/…/asylrecht-zahl-der-fluechtlinge-in-…
(*13) Anzahl Rechtsradikaler in Deutschland: http://www.netz-gegen-nazis.de/…/rechtsextremismus-zahlen-7…
(*14) Anzahl rechter Straftaten: http://www.tagesspiegel.de/…/deutschland-mehr…/11364746.html
(*15) Weniger Straftaten in der Region: http://www.badische-zeitung.de/…/fakten-check-fluechtlinge-…
(*16) Anzahl Flüchtlinge weltweit: http://www.proasyl.de/de/themen/zahlen-und-fakten/
(*17) Faktencheck Flüchtlinge: http://www.sueddeutsche.de/…/faktencheck-zur-einwanderung-z…






"Flüchtlinge bringen Mut mit, Mut zur Veränderung und Mut zum Lernen. Sie haben sich aus einer Situation befreit, die nicht tragbar war. Sie haben keinen leichten Weg eingeschlagen. Sie haben sich mutig aufgemacht und nehmen es mit einer neuen Kultur und einer neuen Sprache, mit neuen Menschen und einem unbekannten Lebensstil auf. Davon können wir als Gesellschaft lernen – und selbst mutiger sein und auf sie zukommen. Dann entwickeln wir uns gemeinsam weiter. So funktioniert Fortschritt." So viele Geschichten ... ja, hört sie euch an!




"Denkt ihr ernsthaft, die Ärmsten der Armen dieser Erde sitzen in ihren Baracken und tüfteln hinterfotzige Pläne aus, wie sie euch euren 58 Zoll Smart TV zecken können?"

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